Ich habe gerade ( leider muss ich sagen "wieder mal" ) folgendes erlebt:
Bei einem bekannten Händler mit Auktionshaus ist mir seit längerem eine Münze ins Auge gestochen, die selten und in top Erhaltung so gut wie nicht zu bekommen ist. Es handelt sich um ein Markstück aus dem Kaiserreich, ich möchte auf die genaue Klassifizierung hier erst mal verzichten, da das ausreichen würde, um die Münze sofort auf der Plattform mit den zwei Buchstaben zu finden.... Vorab möchte ich noch erwähnen, dass ich beim gleichen Händler in der Vergangenheit bereits zwei nicht ganz so exklusive halbe Mark gekauft habe, ebenfalls selten, ebenfalls als Stempelglanz angepriesen. Beide Münzen waren absolut TOP und haben meine Erwartungen sogar übertroffen!
Die Münze, um die es jetzt geht, war dort mit zwei Fotos der beiden Seiten, ziemlich gute Bilder, wie es mir schien, in der Erhaltung "Stempelglanz feinst" angepriesen und mit einem entsprechenden Preisschild von mehreren hundert Euro angeboten. Ich wollte meiner Sammlung nach langer Zeit mal wieder ein besonderes Stück gönnen und habe die Münze gekauft. Natürlich habe ich mich sehr auf das gute Stück gefreut und als es nach kurzer Zeit ankam, wurde sie sofort ausgepackt und bestaunt.
Auf den ersten Blick sah die Münze wirklich super aus. Was mir allerdings auch ohne Lupe auffiel, waren zwei deutlich sichtbar mattere Stellen links und rechts neben der "1" . Ich nahm also meine Lupe und war geschockt. Die Münze war tatsächlich an diesen beiden Stellen berieben, und zwar sehr eindeutig.
Ich habe direkt den Händler angerufen und dieser hat die Münze anstandslos zurückgenommen. Ich erhielt ein Versandlabel und wenige Tage später war das Geld samt Versandkosten wieder auf meinem Konto. Soweit so gut.
Was mich dabei wirklich stört sind zwei Dinge:
- Wie kann ein renommierter Händler eine ganz klar beriebene Münze auf diese Art und Weise anpreisen? Das kann man nicht übersehen!
- Noch schlimmer: Die gleiche Münze ist wieder angeboten, 50,- Euro "günstiger", wieder mit der Erhaltung "Stempelglanz", mit dem Zusatz "min. berieben". Eine beriebene Münze ist niemals Stempelglanz für mich.
Das gleiche, nur noch viel krasser, ist mir zwei Wochen auf Ebay passiert, wieder mit einem seltenen Markstück, wieder ein renommierter Anbieter, wieder berieben und zwar noch deutlich krasser und beidseitig, wieder mit Erhaltungsangabe "Stempelglanz". Wieder zurückschicken, wieder Hin und Her. Auch hier war die Bereibung auf den Bildern absolut nicht erkennbar!
Zu Beginn meiner Sammlertätigkeit habe ich diesen Beschiss nicht gemerkt, heute habe ich gelernt, mich nicht mehr verarschen zu lassen, denn nichts anderes ist das.
Wenn ein unerfahrener Sammler bei einem Fachhändler eine solche Münze kauft, die auf den ersten Blick toll aussieht und diese behält, kommt das böse Erwachen erst dann, wenn er seine Augen entsprechend geschult hat. Und dann ist es zu spät.
Kauft der unerfahrene Sammler hingegen gegradete Münzen, bekommt er zumindest das, was er erwarten kann und keine beriebenen Münzen. Ich habe auch schon einige gegradete Münzen gekauft. Da waren solche Fälle bis jetzt definitiv nicht dabei!
Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass ich mittlerweile fast nur noch ungegradete Münzen kaufe, um sie dann selber graden zu lassen. Und dabei habe ich insbesondere auf Ebay und auch auf Ebay Kleinanzeigen mehrfach sensationell gute Stücke für ganz kleines Geld erwerben können. DAS passiert einem mit gegradeten Münzen natürlich nicht.
Für mich ist es immer noch erschreckend, wie viele Händler, auch solche mit "gutem Namen", die Käufer gnadenlos bescheissen und Stücke mit definitiv falscher Erhaltungsangabe verkaufen.
Ich bin jetzt fast fertig mit dem Zusammenstellen meiner ersten großen Einsendung von Kaiserreich Kleinmünzen für das Grading. Dazu kommen ein paar Morgan Dollar und ein paar meiner Meinung nach lohnenswerte 2,- und 3,- Markstücke.
Wenn man dauerhaft sammeln will, geht es nicht ohne einen Lernprozess, das Erkennen der feinen aber entscheidenden Unterschiede usw. Ein echter Sammler kann eine Münze schon einordnen. Anhand von Bildern ist das jedoch schwer bis unmöglich.
Wenn man investieren will und nicht dauernd betrogen werden will, weil man noch nicht die große Ahnung hat, geht es nicht ohne Grading.
Für mich hat beides seine Berechtigung. Leider kann ich nicht überall hinfahren und mir die Münzen, die ich gerne kaufen möchte, vorher ansehen. In Zukunft werde ich jedenfalls bei teureren Stücken VOR dem Kauf mit dem Händler sprechen und nicht mehr blind vertrauen. Oder, wenn es denn aufgrund der Entfernung möglich ist, wirklich die Münze vor dem Kauf anschauen und bewerten....
Auch ich bin nicht mit jedem Grading einverstanden. Aber zumindest schützt es den eher unerfahrenen Käufer vor grobem Beschiss!