Moin in die Runde,
ich habe Neuigkeiten. Vorweg: Es ist mit allergrößter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Streifen NICHT unsächlich von der Prägestätte stammen, also auch keine "Justirspuren".
Ich selbst hatte die Gelegenheit gehabt mich mit Peter Hammer (Buchautor von Metall & Münze, Metallexperte) u.a. auch über das Thema Bayernstreifen auszutauschen. Ich hatte Bilder im Großformat mitgenommen, ebenso das Bild von AHack von der justierten Ronde des MTT-Talers. Peter meinte direkt, dass es nach typisch chemischen Einfluss aussieht.
Gleichzeitig hatte ich bei Robert Lehmann angefragt, auch ob man die Oberfläche entsprechender Stücke mikroskopisch untersuchen könnte. Robert Lehmann hat mir wie folgt geantwortet (Erlaubnis zum zitieren habe ich erhalten):
Hallo Herr Kreul,
[...] Ich habe mich erkundigt. Es gab hier in München einen Kaiserreichs-Sammler, welcher sich sehr intensiv mit diesen Sreifen beschäftigt hat und dem sogar mit der Münzstätte München nachgegangen ist. Das Archiv der Münzstätte und die Prägetechniker konnten - laut den mündlichen Berichten an mich - die Ursache nicht klären, schließen jedoch eine Entstehung in der Münzstätte als weniger unwahrscheinlich fast [??] aus. Es gab da einen alten Mitarbeiter, der sich intensiv mit der historischen Prägetechnik im alten Gebäude der Kaiserzeit beschäftigt hat und die museualen Prägemaschinen betreute (lebt nicht mehr, bericht der Münzstätte). Auch er sah es offenbar nicht als Folge des Herstellungsprozesses. Meine Theorie, dass es sich um Reste von Klebestreifen handelt, fand man dagegen in der akuellen Diskussion sympathisch, da besonders die Bayern Silbermünzen bekannterweise in Bayern (Bayern überstand die Weltkrieg noch am besten von allen, viel Wohlstand blieb erhalten) viel in zusammengestellten Rollen gehortet wurden, die irgendwie zusammengebunden wurden. Ein Münzhändler erinnerte sich, dass er häufig solche Rollen hatte und die mit Klebestreifen sicherte, so dass die oberste und unterste Münzen einen Abdruck hatten. Die damals benutzen Kleber waren nicht so agressiv wie heute (zB Knochenleim) und schützen laut meiner Einschätzung als Chemiker die Oberfläche vor Patinierung. Ähnliche Streifen habe ich selber bei Morgan Dollars gesehen, welche auch gerne in selbstgedrehten Rollen gehortet wurden. Diese Erklärung halte ich für die wahrscheinlichste, meine Diskussionspartner in München folgten dieser Erklärung weitestgehend. Ich halte eine Oberflächenanalyse für nicht gewinnbringend, da organische Bestandteile längst zersetzt und abgerieben sein dürften. Auch die Ausprägung der Streifen sieht für mich aus wie Klebereste oder Anhaftungsreste einer Verhüllung/Folienanhaftung. Manche Spuren sehen wie Abreißspuren aus, wie typisch für Klebeband. Wie Justierspuren sieht es für mich weniger aus, vor allem weil sie eine große Varianz zeigen und so oberflächlich, ganz ohne für Justierung typische Kratzspuren sind (soweit auf Fotos erkennbar). Bei einem ja nachgewiesenen Apparat müssten die Spuren deutlich ähnlicher sein, vor allem diese Abreißspuren wären damit schwer zu erklären. Aber natülich bleiben andere Erklärungen legitim.
Ich hoffe Ihnen damit ein paar Impulse geliefrt haben zu können.
Viele Grüße,
Robert Lehmann
Peter hatte ich daraufhin auch Lehmanns Antwort weitergeleitet und er bestärkte mich darin, dass ich mich auf seine (Lehmanns) Antwort verlassen könne.
Ich selbst war dem Ausgang offen eingestellt, obwohl ich immer vermutet hatte, das es sich um zwei verschiedenen Dinge handelte: Es gibt sowohl (1) Reste von Justierspuren auf den geprägten Münzen, als auch (2) rein oberflächlich behandelte Metallflächen, die eine nachträglich Patinierung verhindern.
Zu (1) habe ich selbst mit Kees und Peter in der Münzwerkstatt in Zschopau Münzen aus fehlerhaften Rohlingen geprägt. Fazit: gibt es vorher eine Riefe, dann bleibt sie später auch, wenn der Prägedruck (zB am Rand) zu gering war (siehe Anlage "Walzfehler"). Meine hier in #425 vielleicht ironisch anzumutende Bemerkung, warum die Vertiefung auf der MTT-Ronde bräunlich ist, blieb unbeantwortet. Antwort: Sie ist bräunlich, weil durch die unregelmäßige Oberfläche selbige eine viel größere Angriffsfläche ggü. Umweltbedingungen bietet, somit auch eine Patinierung begünstigt wurde. Das Bild ist daher eher ein Beleg dafür, dass man eine Justierung als Ursache von den "Bayernstreifen" ausschließen kann.
Zu (2) Das Metall, was zur Prägung von Münzen genutzt wird, wird durch den Druck des Stempels in seinem Metallgitter plastisch verformt und es bildet sich eine homogene Oberfläche aus, die diesen so schönen irisierenden Stempelglanz aufweist. Wieso sollen ausgerechnet an bestimmten Stellen, wo zuvor eine Justierung des Rohlings stattgefunden hat, eine Patinierung ausbleiben? Wenn wir allerdings an einer fertigen Münze eine Deckschicht aus Vaseline, Kleber oder Lack (Zaponlack!) auftragen würden, dann würden wir die Oberfläche ggü. Umwelteinflüssen abschirmen und isolieren. Als Fazit konservieren wir dort die Oberfläche, jungfräulich wie aus der Präge.
Ich hoffe, ich habe zur Lösung des Themas beigetragen und wir können "die Sache" nun schließen:
Der Bayernstreifen ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Resultat von einer unfreiwilligen partiellen, chemischen Konservierungsmaßnahme von fertig ausgeprägten Münzen.