Kurdistan 2023

Ostermontag, 10.04.2023

Starten wollten wir den Tag an der Jalil Khayat Moschee, doch hier standen wir vor verschlossenen Toren. Karwan hatte zwar etwas organisiert, aber so genau nimmt man es nicht immer mit Verabredungen. Also geht es erst einmal Skylinegucken in den Vorstädten. Erbil ist eine Boomtown. Mittlerweile leben hier 1,5 Mio. Menschen und an allen Ecken wachsen Hochhäuser in den Himmel. Empire World ist eines dieser Viertel, aber leisten kann sich die Wohnungen auch nicht jeder. 75 m² kosten ca. 900€/Monat.

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Ich habe nicht so viel davon, durch die leeren Hochhausschluchten zu schlendern, aber ich kann natürlich verstehen, wenn Karwan vorführen möchte, wie modern und weltstädtisch seine Heimat auch sein kann. Für mich war es aber eher ein Kulturschock zu den nahöstlichen Städten der letzten Tage. Da hat es mir dann schon wieder besser gefallen, als es zurück ins Zentrum ging, wo sich rund um die Zitadelle der Basar erstreckt. Ein besonderes Erlebnis ist der Geldwechslermarkt. Die sitzen da einfach mit ihren kleinen Tischchen, neben sich die Geldbündel türmeweise gestapelt. Das Vertrauen, nicht überfallen zu werden, ist bemerkenswert. Aber es sind ja auch 1001 Auge um einen herum. Und Überwachungskameras gibt es auch ausreichend.

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Money Market. In Erbil gibts eine ganze Sraße, wo ein derartiger Stand neben dem anderen steht.

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Der restliche Basar bietet aber auch Souvenirs für jeden Geschmack.

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Nutella gibts erst seit wenigen Jahren in Kurdistan. Die Leute hier lieben es.

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Erbil Grand Basar

Etwas weniger quirlig geht es im Grand Basar zu, dem überdachten Basar. Es ist sauber und aufgeräumt, ein großer Gegensatz zu dem, was ich bisher im Irak gesehen habe. Über all dem thront die Zitadelle, wie die Spinne mitten im Netz, wenn man sich den Stadtplan von Erbil anschaut. Die kurdische Hauptstadt ist eine der ältesten Städte der Welt. Es gibt sie bereits knapp 8.000 Jahren, schriftlich erwähnt wurde sie erstmals vor ca. 4.000 Jahren. Die Zitadelle, auf einem Hügel gelegen, ist die ursprüngliche Stadt. Noch in den 1930er Jahren war sie nur von Feldern umgeben. Davon sieht man heute im ausufernden Häusermeer überhaupt nichts mehr. Nachdem sie lange Zeit verfiel, kommt die Sanierung nun langsam voran. Dafür wurden die Bewohner umgesiedelt - mit Ausnahme einer Familie, um die 8.000jährige Siedlungsgeschichte nicht zu unterbrechen. In der Zitadelle sucht man aber vergeblich nach orientalischem Treiben. Vielleicht kommt es nach der Sanierung zurück. Nur ein paar Museen locken die wenigen Touristen an. Wir besuchen das kurdische Textilmuseum.

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Erbil. Shar Park am Fuße der Zitadelle. Die Brunnen gibts schon länger, aber gerade werden sie umgebaut, damit daraus ein Licht-und-Sound-Spektakel wird.


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Zitadelle Erbil - 8.000 Jahre Siedlungsgeschichte.

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Kurdisches Textilmuseum

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Jeder Ort in Kurdistan hat sein eigenes spezifisches Mützendesign.

Danach gibt’s noch einen Tee am Fuße der Zitadelle, bevor es zum Shanidar Park geht. In einer gleichnamigen Höhle im Park wurden Überreste von Neandertalern gefunden. Die sehen wir nicht, dafür aber die grüne Lunge der Stadt. Der Park wird von einer Seilbahn mit dem auf der anderen Straßenseite liegenden Minarett-Park verbunden, aber weil es ziemlich windig ist, fährt sie nicht.
Der Minarett-Park ist nach den Resten eines – Überraschung – Minaretts aus dem 12. Jh. benannt. Die von einem Schwager Saladins errichtete Moschee existiert allerdings nicht mehr.

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Die Jalil Khayat Moschee hingegen steht noch immer. Nachdem sie erst 2007 fertiggestellt wurde, wäre alles andere auch seltsam – zumal die größte Moschee Erbils von einem reichen Bauunternehmer gestiftet wurde. Die Hauptkuppel hat eine Höhe von 48m und der Innenraum ist wunderschön gestaltet. Und glücklicherweise öffnet sie extra für uns noch einmal dir Türen.

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Wenig experimentierfreudig geht es heute Abend ins gleiche Restaurant wie gestern. Aber diesmal liegt Saj Kebab auf dem Teller – Das Fleisch ist ins Brot eingewickelt. Den restlichen Abend verbringen wir erst mit Tee am Hotelpool und dann am offenen Fenster mit Blick auf den E1-Tower, der sich heute ganz bewegt präsentiert.

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Ein besonderes Erlebnis ist der Geldwechslermarkt. Die sitzen da einfach mit ihren kleinen Tischchen, neben sich die Geldbündel türmeweise gestapelt.
Frage:
Ich kann irakische und syrische Geldscheine erkennen. Welche Währungen werden bzw. wurden da noch gewechselt?
 
Ein besonderes Erlebnis ist der Geldwechslermarkt. Die sitzen da einfach mit ihren kleinen Tischchen, neben sich die Geldbündel türmeweise gestapelt.
Ungefähr so stelle ich mir den Geldechselbetrieb im Jerusalemer Tempel vor. Beim Lesen deines Reiseberichtes bekam ich allgemein Assoziationen zum Leben in der Antike, ich glaube, viel hat sich im täglichen Leben dort nicht geändert.
 
ich glaube, viel hat sich im täglichen Leben dort nicht geändert.
Ich denke, es ist eine sehr schizophrene Gesellschaft. In den Strukturen noch sehr traditionell, aber andererseits ist die moderne schon voll angekommen. Beispielsweise Printmedien (außer Bücher) sind nahezu ausgestorben. Nur im Hotel in Erbil habe ich eine Zeitung liegen sehen. Ansonsten nirgends. Das wird nur noch online konsumiert.

Welche Währungen werden bzw. wurden da noch gewechselt?
Irak, Syrien, Iran, USD, Euro, Türkei, Saudi Arabien, Großbritannien... Schweden habe ich häufiger gesehen.
Einmal lag auch Australien, aber das war eher die Ausnahme.

Zur besseren Vorstellung: die braunen 1000-Dinar-Päckchen dürften ca. 100.000 IQD/Paket gewesen sein, also ca. 66€.
Ein Stand hatte aber auch einen Packen 500-€-Scheine liegen.
 
Beispielsweise Printmedien (außer Bücher) sind nahezu ausgestorben. Nur im Hotel in Erbil habe ich eine Zeitung liegen sehen. Ansonsten nirgends. Das wird nur noch online konsumiert.
Das könnte natürlich auch daran liegen, dass "Print" überall auf der Welt nicht mehr allzu populär ist :) , noch dazu eine umfassende Infrastruktur erfordert: Zeitungen und Zeitschriften wollen layoutet, gedruckt und vertrieben sein, und das täglich bzw. wöchentlich. Wenn die Online-Versorgung gesichert ist, dürfte die der bessere Weg sein.

Erbil kannte ich zwar dem Namen nach, und als kurdische Hauptstadt. Von der Zitadelle habe ich zum ersten Mal 2019 erfahren; da gab's in Bonn eine Virtuelle Reise durch mehrere von Krieg, Bürgerkrieg und Terror zerstörte Städte, unter anderem Mossul (Video ist auf der Seite noch abrufbar). Und im syrischen Aleppo gibt es ja auch so eine Zitadelle.

Ja, die Preise in einer großen Regionshauptstadt haben eben Metropolenniveau. ;) Aber ich denke, es hatte auch was für sich, dass ihr die Stadt erkunden konntet, ohne von Polizei/Militär weggedrängt zu werden. Oder vor verschlossenen Türen zu stehen und sich zu fragen, wo es denn einen Schlüssel geben könnte.

Was das Fotografieren von Schafen angeht: Wir haben hier auf den Rheinwiesen zwar regelmäßig Schafe, die das Gras kurz halten. Die knipse ich meist nur dann, wenn es (wie jetzt) gerade viele Lämmer gibt. Aber wenn mir solche Langohrschafe vor die Linse kämen ... A propos Fotos: Die meisten Deiner Bilder sind beeindruckend, vielleicht auch, weil ich so wenig über das Land bzw. die Region weiß und mir vieles fremd vorkommt. Aber diese "I-(Herz)-Ortsname"-Zeichen vielerorts ... das scheint ja ein wichtiger Industriezweig zu sein, hehe.
 
Dienstag, 11.04.2023

Heute ist die Stimmung nicht ganz so gut. Unser Gefährt muss leider getauscht werden, das Getriebe macht Probleme. Also steigen wir auf Karwans Toyota Camry um, was leider eine deutliche Verschlechterung darstellt, da sich drei auf die Rückbank quetschen müssen. Und natürlich haben wir dadurch auch an Geländegängigkeit eingebüßt. Einen Punkt unseres Planes werden wir deshalb wohl streichen müssen, was insbesondere meinen Engländer sehr ärgert, da seine Geländegängigkeit und Fitness fürs Streichen vorgeschoben werden. Spoiler: am Ende werden alle glücklich.

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Wir fahren verkleinert weiter.

Aber jetzt starten wir erst einmal und verlassen Erbil wieder Richtung Osten, nach Koy Sanjaq. Die Stadt, die auch Koya genannt wird, hat viele Künstler hervorgebracht und ist deshalb auch als Stadt der Poeten bekannt. U.a. Yûnis Re'ûf (Dildar), der Schöpfer der kurdischen Hymne stammt von hier, wie auch Haji Qadir Koyi, der Architekt des kurdischen Nationalismus. Wir besuchen ein Fort aus osmanischer Zeit mit einem kleinen Heimatmuseum. Das ist als Ersatz für den weg gefallenen Punkt gedacht, stellt aber nicht so ganz zufrieden. Allerdings geraten wir in einen Schulausflug hinein. Ich glaube das Gesprächsthema der nächsten Tage werden weder Hymne noch Nationalismus sein, sondern die vier Touristen. Und Datenschutz? Fotoerlaubnis? DSGVO? Who cares? Die Gruppenbilder der Schüler mit den Wildfremden übernimmt der Klassenlehrer höchstpersönlich.

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Koy Sanjaq. Meine neue Klasse im Osmanischen Fort.

Unterwegs geht es wieder durch die Berge. Nicht ganz so hoch wie die letzten Tage, aber auch mit schönen Ausblicken. Nur etwas diesig ist es. Wir warten auf den angekündigten großen Regen. Zumindest vom Temperatursturz ist noch nichts zu merken.
An den Straßenrändern steht auch wieder gallonenweise Sprit. Der wird über die Grenze aus dem Iran her geschmuggelt. Auf dem Rückweg wird dann Alkohol mitgenommen.


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Sprit in Flaschen.

In einem malerischen Tal bei Qizqapan gelegen finden wir wieder ein Felsengrab. Wer genau hier liegt, lässt sich nicht mehr sagen, aber die Legende lautet, dass ein Mann aus dem einfachen Volk mit der Tochter eines Adeligen durchgebrannt ist und beide hier ihre letzte Ruhestätte fanden. Das Grab stammt wohl aus der Zeit zwischen 600-330 v. Chr. Nachdem viele Sprayer hier ihr Unwesen getrieben haben, ist es jetzt mit einem unansehnlichen Gitter geschützt.


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Felsengrab von Qizqapan

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Nicht ganz so weit zurück in der Geschichte führt uns Chami Rezan, nur ein paar Seitentäler weiter. Die Einheit des Iraks mit Kurdistan ist ein schweres Erbe, dass die Mandatsmächte nach der Zerschlagung des osmanischen Reiches hinterlassen haben. Die Kurden wollen ihren eigenen Staat und die Araber wollen sie nicht ziehen lassen. 1961 kam es kurz nach dem Sturz des irakischen Königshauses zum ersten irakisch-kurdischen Krieg, nachdem die eigentlich versprochene Autonomie doch nicht gewährt wurde.

Die kurdischen Kämpfer machten sich die Geographie zu Nutze und verbargen sich im Schutz der Berge und Höhlen. Die Sahra Höhle in Chami Rezan war das Hauptquartier des 'Voice of Kurdistan' Radiosenders. Zur Ruhe gekommen ist Kurdistan seitdem aber immer noch nicht. Es folgt noch ein zweiter Kurdenkrieg in den 1970ern, eine Revolte 1991 und ein Unabhängigkeitsreferendum 2017. 92% stimmten für die Unabhängigkeit, aber der Irak erkannte das Referendum nicht an. Es kam wieder zu Kämpfen, in deren Folge Kurdistan u.a. Kirkuk verloren hat.
Um zur Sahra Höhle zu gelangen müssen wir wieder ziemlich klettern. C. und J. tun sich das heute nicht an. Oben angekommen muht uns schon ein Echo entgegen - eine Kuhherde hat es sich in der Höhle gemütlich gemacht.

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Am Nachmittag erreichen wir Sulaymaniyah/Slemani. Unser Hotel befindet sich diesmal mitten im Basar, in den ich nach einer kurzen Verschnaufpause auch gleich zusammen mit der Österreicherin eintauche. Es ist bis jetzt einer der größten und verwinkeltsten, die ich kenne. An jeder Ecke gibt es etwas zu gucken, egal ob Gewürze, Obst, Stoffe, Wasserhähne oder Schafsköpfe. Die Goldstraße ist einige Dutzend Meter lang. Hier kann man echt die Zeit vertrödeln. Und wir kommen doch tatsächlich auch an der Pizzeria „Zur blauen Donau“ vorbei. Klar, dass da mit der Österreicherin ein Foto gemacht werden muss. Daraufhin lädt uns der Inhaber, der nach 20 Jahren in Wien zurück in die Heimat gekommen ist, zum Tee ein und wir unterhalten uns eine knappe dreiviertel Stunde.

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Sulaymaniyah

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Der Basar von Slemani gilt als der Beste in Kurdistan.

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2015 gingen die Bilder eines kleinen Jungen im die Welt, der auf der Flucht vor dem IS im Mittelmeer ertrunken ist. Alan Kurdi war ein syrischer Kurde. Er ist nur 2 Jahre alt geworden. In Sulaymaniyah hat man ihm ein Denkmal gesetzt.

Zum Abendessen gibt es aber keine Pizza. Stattdessen stürzen wir uns heute ins Getümmel. In der Selim Street gibt es auf über einen Kilometer einen Essensstand neben dem anderen, da kann man sich fast nicht entscheiden. Am Ende wird es wieder Lamm mit Falafel. Zum Nachtisch gibt es Kunafa. Käse mit Kadaif (Engelshaar). Göttlich!

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Abendessen gibts in internationalem Ambiente.

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Kunafa.

Zum Schluss gibt es noch den kurzen Blick vom Hoteldach, doch die ersten Tropfen kommen schon. Später öffnet der Himmel dann seine Schleusen so richtig. Slemani, auch als Stadt der Winde bekannt, hat übers Jahr in etwa so viel Niederschlag, wie Potsdam. Da zwischen Mai und November aber kaum etwas fällt, ist der Rest umso feuchter. Im Winter liegt oft Schnee, während es im Sommer auch mal 45°C werden können.

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Mittwoch, 12.04.2023

Die Laune ist noch nicht wirklich besser, der gestrichene Programmpunkt ist noch nicht überwunden. Ein Vorschlag zur Güte deshalb: wir probieren es und wenn es wirklich nicht klappt, machen wir einen Ausflug nach Halabja. Der Ort an der iranischen Grenze hat am 16. März 1988 traurige Berühmtheit erlangt, als die irakische Luftwaffe einen Giftgasangriff startete. Zwischen 3.000 und 7.000 Menschen starben, die meisten Zivilisten, hauptsächlich Frauen und Kinder. Von den unzähligen Verletzten und Spätfolgen ganz zu schweigen. Schon vorher fanden kleinere derartige Aktionen in der Region statt, die aber bis dahin kaum ein mediales Echo zur Folge hatten. „Chemie-Ali“, Vetter von Saddam Hussein und damals Gouverneur Irakisch-Kurdistans hat die Einsätze angeordnet und wurde 2010 dafür verurteilt und hingerichtet.
Als wenn die Geschichte nicht schon schlimm genug wäre, hat es mich sehr mitgenommen, als vor einigen Wochen die Berichte von den Gasattacken in iranischen Mädchenschulen kamen.

Doch zu Beginn starten wir erst einmal im Slemani Museum, nach dem Nationalmuseum in Bagdad das umfangreichste im Irak. Während draußen die nächste Sintflut beginnt, bestaunen wir die Exponate. Teile des Museums sind schon richtig gut aufbereitet, der Rest hat den Charme vergangener Tage. Wir sehen Exponate aus 20.000 Jahren Geschichte. Auch einen Nachbau des gestrigen Grabes hinter Gittern war zu sehen.

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Das Grab von Qizqapan

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Eine Tafel des Gilgamesch-Epos. Die älteste bekannte schriftlich festgehaltene Dichtung (ca. 2000-1500 v. Chr.). Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Epos bei seiner Wiederentdeckung, da er auch eine Sintfluterzählung beinhaltet. Allerdings nicht auf der Tafel in Slemani.

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Natürlich gibts auch viele, viele Münzen


Passenderweise lacht wieder kurz die Sonne, als wir das Museum verlassen. Also machen wir uns auf den Weg in die Berge um Qaradagh. Die Fahrt bietet wieder tolle Ausblicke und eine schöne Landschaft. Die Wiesen sehen aus wie Teppiche. Wie zu erwarten können wir aber nicht auf den Feldweg zu Naram Sin abbiegen. Zumal der Regen den Boden aufgeweicht hat. Also fahren wir noch bis ein Stück weiter bis Sewsenan, wo Karwan versucht, einen Jeep aufzutreiben. Das dauert eine Weile, aber er hat Erfolg. Und eine polizeiliche Genehmigung für unser Vorhaben gibt es gleich noch oben drauf.

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Sulaymaniyah

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Sewsenan. Street Art im Bergdorf.

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Wir machen es uns also auf der Pritsche des Pickups bequem und düsen dann knapp 15 Minuten die Berge hoch. Das wäre im Camry nicht gegangen. Aber nur fahren wäre ja zu bequem, also wandern wir anschließend noch knapp 20 Minuten. C. & J. müssen geben auf halber Strecke auf, es wird zu anspruchsvoll. Was uns jedoch erwartet, lässt mich staunen. In einem schmalen Tal hängt an der Felswand ein Krieger oder König, der über seine Feinde triumphiert.

Naram Sin (2.254-2.218 v. Chr.) war eigentlich ein König des Akkadischen Großerreiches. Neuere Erkenntnisse gehen aber davon aus, dass das Relief nicht ihn, sondern einen unbekannten König zeigt.

Wer auch immer es ist, allein der Ort lässt mich wundern. Wer schafft so ein Kunstwerk an einer so abgeschiedenen und schwer zugänglichen Stelle? Und warum? Kilometerweit keine Siedlung, das Tal ist eng, steil und ohne Möglichkeit, die einen Handelsweg vermuten lassen könnte. Und zu guter Letzt ist auch die Laune wieder besser, denn wir haben den eigentlich gestrichenen Programmpunkt doch noch abgehakt.

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Lange können wir aber nicht verweilen. Es ziehen wieder dunkle Wolken auf. Kaum am Pickup angekommen setzt auch schon der Regen ein. Noch schnell ein paar Fotos mit den Militärs geschossen, die neugierig ob der seltsamen Touristen dazugestoßen sind und dann geht’s auch schon wieder ins Tal. M. & ich bei den Soldaten im Truck, so haben wir wenigstens ein Dach über dem Kopf.



Wir sind keine Minute zu früh wieder gekommen. Es stürmt und auf dem Weg zurück nach Sulaymaniyah ist halber Weltuntergang. Zum Glück ist der Basar überdacht, so sind wir den Nachmittag über nicht ans Hotel gebunden. Nur aufs Streetfood am Abend verzichten wir und nehmen mit einem Restaurant vorlieb. Die Straßen sind mittlerweile überflutet und das Wasser weiß nicht mehr wohin.

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Finde den Fehler.

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Ich bin ja ganz oldschool und liebe es, Postkarten zu verschicken. Aber in den Kasten habe ich kein Vertrauen. Zu Recht, wie sich rausstellt. Es findet derzeit kein Auslandsversand von Briefpost statt. Ich habe aber nicht rausbekommen, ob es am Ramadan liegt oder grundsätzlich so ist. Aber schon allein eine Postkarte zu finden war eine halbe Odyssee.

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Land unter!

 

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Donnerstag, 13.04.2023

Den Ersatzprogrammpunkt Halabja haben wir nun gestern doch nicht benötigt. Doch auch ohne das Gasmassaker tauchen wir noch einmal in die grausame der Geschichte der Region ein. Nach dem Frühstück fahren wir zum Amna Suraka in Sulaymaniyah. Amna Suraka ist das „rote Gefängnis“. Das spielt eigentlich auf die Fassadenfarbe an, kann aber sicher auch metaphorisch gesehen werden – für das ganze Blut, was hier geflossen ist. Das Ba‘ath-Regime Sadam Husseins hatte hier das Hauptquartier des Mukhabarat, der Geheimpolizei, die hier gefoltert, vergewaltigt und getötet hat. Besonders zwischen 1986-1991 nahmen die Gräuel neue Ausmaße an, unzählige Kurden und andere Minderheiten des Nordiraks wurden verschleppt. Die Kurden wurden schon lange unterdrückt, doch nun nahm es genozidale Außenmaße an. In den Anfal-Kampagnen wurden über 180.000 Menschen ermordet.

Anfal bedeutet „Beute“ und ist zudem der Titel einer Koransure, die den Sieg über Ungläubige und die Beuteverteilung beschreibt. Mit der Verknüpfung zum Koran hat das Regime die Rechtmäßigkeit seines Vorgehens gegen die Kurden und andere Minderheiten begründen wollen. Attacken, wie in Halabja waren Teil der Anfal-Kampagnen.

Das Gefängnis selbst war aber auch immanenter Teil des Terrorapparates. Faire Prozesse gab es nicht. Stattdessen gehen wir durch die Folterkammern der Anlage.

Neben den Verbrechen des Saddam-Regimes gibt es auch einen Abschnitt über den IS im Museum, inklusive Bildern von Enthauptungen. Es ist so erschütternd und macht sprachlos, wie Menschen anderen Menschen so etwas antun können. Und noch umso mehr, dass die Menschheit daraus nichts lernt.

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Landminen gibt es noch zu Hauf im Irak und in Kurdistan

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Terrorregime sind Bürokratien. Das kennen wir ja irgendwoher... Ohne Stempel lief beim IS nichts.

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Nach diesen Eindrücken, die unter die Haut gehen, ist die Weiterfahrt erst einmal sehr schweigsam. Das muss verarbeitet werden. Zurück nach Erbil nehmen wir nicht die gleiche Route, wie Anfang der Woche, sondern biegen nach Kirkuk ab. Die Stadt ist Teil des Umstrittenen Gebietes zwischen Kurdistan und Irak. Ihr Ölreichtum macht die Lage nicht einfacher. Nach der US-Invasion hat Kurdistan die Stadt übernommen und gezielt die Araber der Region vertrieben (nachdem das Ba’ath-Regime zuvor im 20. Jh. eine massive Arabisierung betrieben hat und Kurden, Assyrer und Turkmenen systematisch benachteiligte). Das verstärkte sich noch einmal nachdem kurdische Streitkräfte Kirkuk vom IS befreit hatten. 2017 wurde ein Unabhängigkeitsreferendum durchgeführt welches in der Fragestellung auch jene Gebiete einschloss, die außerhalb der Regionalverwaltung liegen, d.h. der umstrittenen Territorien um Kirkuk. Die Folge war, dass in der Schlacht um Kirkuk die irakische Zentralregierung, die das Referendum ja nicht anerkannte, die Region wieder übernommen hat.
Dementsprechend dauert es nun an den Checkpoints auch etwas länger, hier wird genauer hingeschaut, wer die Regionalgrenzen überschreitet. Und immer wieder kommt die Frage: „what are these crazy people doing in this fucking country?!”

Kirkuk streifen wir nur in den Randbezirken und von den Ölfeldern sehen wir kaum etwas, Baba Gurgur leider überhaupt nicht. Letzteres ist ein ewiges Feuer, eine natürliche Erdgasquelle, die es schon seit Nebukadnezars Zeiten geben muss und die auch in der Bibel (Buch Daniel) Erwähnung findet.

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Schließlich erreichen wir wieder Erbil, checken ins gleiche Hotel, wie beim letzten Mal ein und verabschieden uns von Karwan. Der übernimmt morgen die nächste Tour. Das wir jetzt auf uns selbst gestellt sind, hält uns doch nicht vom Erkunden ab. Mit dem Taxi geht es kurzerhand nach Ankawa, einem Vorort Erbils. Es ist eine der ältesten christlichen Siedlungen im Irak. Man merkt den Unterschied zum muslimischen Teil der Stadt deutlich. Kirchenglocken läuten, Alkohol wird offen verkauft. Und natürlich gibt es viele Kirchen. Besucht haben wir die St. Josephs Kathedrale, die caldäisch-katholische St. Georgs-Kirche und die Mart-Schmoni-Kirche.

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Ankawa. Es gibt zahlreiche Alkoholgeschäfte. Allerdings müssen sie auch hier während des Ramadan geschlossen bleiben.

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Die Georgs-Kirche ist eine der ältesten der Region. Auf einer bei Ausgrabungen gefundenen Tafel wird das Jahr 1127 Alexanders des Großen, entsprechend dem Jahr 816 n. Chr. genannt. Bei Mart Schmoni hingegen erwartet uns ein ganz lebendiges Spektakel. Zufällig findet gerade das Festival des aramäischen Erbes statt. Es gibt einen kleinen Markt und Tanzdarbietungen.


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Auf Iftar müssten wir hier im christlichen Viertel eigentlich nicht warten, wir tun es aber trotzdem. Allerdings ist unser Eindruck, dass es alle anderen Anwesenden auch tun. Und ich denke nicht, dass es sich um Muslime gehandelt hat. Den Abend lassen wir dann im Teehaus am Fuße der Zitadelle ausklingen. Es ist ziemlich frisch geworden, da tut der heiße Tee gut. Zu Fuß geht es zum Hotel zurück - ca 15 Minuten durch dichtes Gedränge und geschäftiges Treiben. Hochgeklappte Bürgersteige gibt's hier nicht.

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