Kurdistan 2023

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Osterzeit ist Reisezeit :)
Also muss ich euch mal wieder mit in die weite Welt hinaus nehmen.
Und da 6.000 Bilder erst einmal aussortiert werden wollen, kommt alles ein wenig in Etappen.

Wohin geht es aber überhaupt?

Kurdistan!

Planung:

In den Irak habe ich euch ja schon 2019 einmal mitgenommen. Damals bin ich mit Einer Reisegruppe unterwegs gewesen. Leider ist der damalige Reiseleiter im vergangenen Jahr auf seiner letzten Iraktour verstorben. Er war mit 85 Jahren vermutlich einer der weltältesten Führer.

Irak ist ja nun nicht das Land, das man als Individualreisender gleich auf dem Schirm hat. Aber die damaligen Erfahrungen haben mich doch etwas sicherer hier gemacht. Und da einige meiner damaligen Mitreisenden die gleiche Wellenlänge haben, wollten wir noch einmal losziehen. Durch die ursprünglichen Pläne (Syrien 2020) hat uns Corona einen Strich gemacht, aber nun haben wir einen neuen Anlauf genommen und uns selbst eine Tour zusammengestellt. Diesmal ohne bewaffnete Eskorte und nur als Grüppchen von vier Personen.

Die Organisation war ziemlich unkompliziert. Es gibt mittlerweile einige gute Reiseblogs, die den Irak abgrasen und bei Facebook eine sehr aktive Travellercommunity für den Irak. Da merkt man erstmal, wie viele Individualtouristen (auch Frauen, auch alleinreisende Frauen) in der Region unterwegs sind. Zusätzlich haben wir uns zwei lokale Guides über diese Kanäle organisiert, weil es den Transport etwas einfacher macht. Unkomplizierte und sehr engagierte Leute.

Theoretischerweise hätten wir das sicher auch ganz ohne Guide hinbekommen, aber es war schon sehr hilfreich, da viele Besuchspunkte nur schwer zugänglich waren. V.a. sind die Google-Koordinaten da auch nicht immer korrekt gesetzt, wenn überhaupt vorhanden.

Für die Finanzen empfiehlt sich schon noch das gute alte Bargeld. Es gibt zwar ab und zu auch ATMs, aber trotzdem zu selten, als dass ich mich darauf verlassen würde. Nur zwei Hotels konnte man mit Kreditkarte bezahlen. Allerdings fühlt es sich schon komisch an, mit 2.000€ im Rucksack durch die Basare zu tingeln. Wechseln war nirgends ein Problem. Man muss auch keinen Umweg über Dollar nehmen, Euro werden auch akzeptiert. Allerdings zum exakt gleichen Kurs, wodurch er etwas schlechter wegkommt.

Aber jetzt zum eigentlichen Geschehen:

Freitag, 31.03.2023 und Samstag, 01.04.2023

Heute werden Überstunden abgebaut und während meine Klasse noch fleißig (oder wohl eher nicht) in der Schule sitzt, fahre ich los. Ein wenig habe ich im Vorfeld schon gezittert, dass der Streik mir einen Strich durch die Rechnung macht, aber der war ja glücklicherweise schon Anfang der Woche abgehandelt. Zum Kostensparen fliege ich diesmal nicht ab Berlin, sondern Hannover. Mit der Bahn geht’s dorthin, mit kurzem Zwischenstopp in Magdeburg. Einmal zum Dom gehetzt und dann zurück zum Zug. Zum Glück gabs noch keinen Ferienansturm am Flughafen, so ging es dort recht zackig weiter bis Istanbul.

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Zwischenstopp in Magdeburg

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Der Flughafen Istanbul ist groß, modern ... und nicht vor jeder Technikpanne gefeit :smiley_grinsen:



Hier am IST treffe ich dann des Nachtens am Gate eine Freundin, die aus Klagenfurt anreist und mich nun bis Bagdad begleitet. Seit neuestem gibt es für EU-Bürger Visa on Arrival, das macht es schön unkompliziert. Zwar braucht die Bürokratie trotzdem eine Stunde, um den Zettel in den Pass zu kleben, aber was solls. Vom Flughafen aus geht’s dann mit dem Taxi zum Hotel, mit booking.com vorgebucht. Early Check in 06:00 früh ist ohne Aufpreis möglich und sogar ein Frühstück wird noch aufs Zimmer serviert.

Danach treffen wir die anderen beiden unserer Gruppe. An dieser Stelle ein kurzer Überblick über uns: 1x Deutschland, 1x Österreich (M), 2x Großbritannien (C&J). Wer jetzt denkt, Irak ist was für junge aktive, der liegt sehr falsch. Ich bin das Küken in der Gruppe. AT ist 67, UK ist 80 und Mitte 70er. Aber sowas von abenteuerlustig, das passt zu meinem Reisetempo.

Am Hotel nimmt uns nun Ibraheem, unser erster Guide in Empfang. C&J sind schon zwei Tage länger hier und haben sich rumkutschieren lassen, gemeinsam bummeln wir heute aber noch einmal durch die Stadt. Das meiste haben wir ja schon 2019 gesehen, daher erspare ich euch die Berichte und Bilder dazu, das lässt sich ja im alten Bericht nachlesen .

Was allerdings neu hinzukommt, ist die Grüne Zone! Darauf habe ich mich besonders gefreut. Die Grüne Zone ist das Regierungs- und Botschaftsviertel. Seit der US-Invasion war sie für die Öffentlichkeit gesperrt, erst seit Januar 2023 darf man wieder durch fahren. Hier befindet sich das Aufmarsch- und Paradegelände von Saddam Hussein, die riesigen Schwerter von Qadisiyah und das Grabmal des unbekannten Soldaten. Zwar war auch jetzt das Anhalten ohne vorherige Genehmigung von irgendeinem Amt nicht erlaubt, aber immerhin konnte man den ein oder anderen Blick erhaschen.

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Bagdad. Grüne Zone. Grab des unbekannten Soldaten. Die Ausmaße der Anlage lassen sich aus der Perspektive nur erahnen. Die Kuppel ist knapp 42m groß.

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Schwerter von Qadisiyah. Die Hände bilden jene Saddam Husseins nach, sogar die Fingerabdrücke sollen stimmen. Der Triumphbogen nimmt Bezug auf die Schlacht, bei der die muslimischen Araber im Jahr 636 die Perser besiegten und ist symbolischerweise während des Irak-Iran-Krieges in den 1980ern errichtet worden.

Stopp Nummer zwei ist die Abu-Hanifa-Moschee. Abu Hanifa war ein Rechtsgelehrter und sein Schrein ist die wichtigste sunnitische Moschee Bagdads. Wir beschränken uns aber heute auf einen Blick von außen, da wir dachten, dass bestimmt noch ausreichend Moscheebesuche vor uns liegen. Erstaunlicherweise war dies aber nicht der Fall.

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Abu Hanifa Moschee

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Stattdessen haben wir viele, viele Kirchen besucht, angefangen mit der St George's Anglican Church. Das ist ein recht schlichter Ziegelbau, wegen dem wir aber gar nicht hier waren. Wir waren auf der Suche nach dem Grab des Reiseleiters. Dazu gab es unterschiedliche Angaben. Diese Kirche stellte sich aber als falsch raus. Fündig wurden wir auf dem Episcopal Anglican Cemetery. Die Grabstätte macht aber einen sehr traurigen Eindruck: eine unmarkierte Grube in einer Ecke. Der Friedhofswärter, dessen Familie sich schon seit Generationen um den Friedhof kümmert, konnte sie uns zeigen. Allerdings liegt er in erlauchter Nachbarschaft: gleich gegenüber ruht Gertrude Bell, Forschungsreisende, Abenteurerin und Archäologin. Ich glaube im Grunde hat er die Ruhestätte gefunden, die er sich auch gewünscht hätte.

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Die Grube links neben dem Häuschen ist das Grab.

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Gleich gegenüber das Grab von Gertrude Bell.

Wir schlendern noch ein bisschen über den Basar und fahren an viel Street Art vorbei, bevor wir uns zum nächsten Handyshop begeben: SIM-Karten werden benötigt. Das war eine Prozedur. Die Karte wird in einem Laden gekauft. Allerdings ist sie nicht perforiert, also muss man zu einem zweiten Laden gehen, der sie in die richtige Größe schneidet.

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Trüffel

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In der Mutanabbi-Straße, die Buchhändlerstraße und über Jahrhunderte das geistige Zentrum des Iraks. Besonders die Reihe mit Churchill, Rommel, Machiavelli, Hitler, Che Guevara und Plato ist schon eine ausgesuchte Zusammenstellung.

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Es gibt noch einige sehr schöne alte Fassaden im Zentrum, aber es wird leider sehr wenig gepflegt.

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In der Unterführung am Tahrirplatz gibt es viel Street-art. Da es sehr regierungskritisch ist, wird es nicht gern gesehen, wenn Touristen vorbei flanieren... Wir fahren deshalb. Auch, weil es einfach keine Parkplätze gibt.

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Sheherazade erzählt Sharirar ihre Märchen.

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Es wird leider sehr wenig Wert auf eine gepflegte Umgebung gelegt.



So langsam rückt nun auch der Abend näher, also begeben wir uns auf die Suche nach einem Restaurant… hier sitzen wir nun auch am Tisch und warten auf Iftar. Schließlich ist ja Ramadan. Doch kaum ruft der Muezzin, geht das große Fressen los. Und der Begriff ist nicht untertrieben. Angespanntes Warten bis 18.28 Uhr, dann beginnt man mit einer Dattel. Und nach nicht mal einer Stunde ist das ganze Spektakel schon vorbei.
Zu 95% sitzen natürlich die Männer im Restaurant. Frauen scheinen größtenteils zu Hause zu bleiben.

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Nach dem Fastenbrechen ist vor dem Fastenbrechen :newwer:

Also was den Ramadan angeht, war es kein sehr anstrengendes Reisen. Wir haben auch tagsüber zu Essen bekommen, wenn wir wollten. Restaurants und Teehäuser sind dann nur mit großen Tüchern verhangen, damit man nicht reinschauen kann. Da kommen später noch Bilder.

Der erste Guide, Ibraheem, hat sich auch ans Fasten gehalten. Der nächste hat es dann davon abhängig gemacht, was auf dem Tagesplan stand. Aber wenn ein Fastentag ausgelassen wird, muss man den hinterher nachholen, habe ich gelernt.

Aber springen wir wieder zur Reise:

Sonntag, 02.04.2023

Heute steht die längste Etappe der Tour bevor, dementsprechend zeitig brechen wir auf. Das morgendliche Bagdad ist erstaunlich leer, kaum Autos auf den Straßen. Das ändert sich dann, je höher die Sonne steht.

Bis Samarra fahren wir auf bekannten Wegen. Aber heute soll es ja noch weiter gehen. Der Highway ist schlecht. Viele Schlaglöcher, Spurrinnen und Verkehr, der einem links und rechts entgegenkommt. Die Landschaft ist erst sehr grün, wird dann aber schnell wüstenähnlich, dennoch stehen immer wieder große Regenpfützen am Straßenrand. Auch an Checkpoints müssen wir ab und zu anhalten. Der Pass wird kontrolliert, aber Probleme haben wir nirgends.

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Bagdad

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Wir fahren an Al-Awja vorbei. Das Dorf ist der Geburtsort Saddam Husseins. Auch wenn er ein Diktator war, sehnen sich viele nach seiner Zeit zurück. Aber einfach auch aus dem Grund, dass das Chaos, was danach kam - US-Invasion, Unruhen, Islamischer Staat - in den Augen Vieler noch viel schlimmer war.

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Samarra sehen wir nur aus der Ferne. Aber 2019 haben wir die Malwiya ja schon bestiegen.

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Gegen Mittag biegen wir dann von der Hauptstraße ab und verabschieden uns in die Wüste. Das heutige Highlight: Hatra. Die Stadt wurde knapp 300 Jahre v.Chr. gegründet und 241 n.Chr. aufgegeben. Für mich wirkt es fast wie ein Gegenstück zu Palmyra in Syrien. Als Kleinkönigreich der Parther war Hatra einer der bedeutendsten Fundorte aus jener Zeit.
Der IS hat hier ziemlich gewütet. Der Figurenschmuck und die Reliefs wurden heruntergeschlagen und die Ruinen für Schießübungen genutzt. Glücklicherweise wurde nicht alles planiert, so wie es andernorts leider geschehen ist.

Touristen kommen erst seit kurzem wieder aufs Gelände. Und unser Fahrer Ibraheem hatte die Karten vorab schon extra aus Mosul geholt, bevor er uns in Bagdad getroffen hat. Immerhin knapp 5 h pro Strecke. Guter Mann :respekt:

Wie in Babylon hat auch hier Saddam Hussein umfangreiche Restaurierungen vornehmen lassen, inklusive der mit seinem Monogramm geschmückten Ziegel. Ein Baukran aus dieser Zeit steht seit Anfang der 1990er noch auf dem Gelände.

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Willkommen in Hatra!

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Die Schrift ist aramäisch. Auch wenn dieses Beispiel alt ist, wird es auch heute noch gesprochen und geschrieben, hauptsächlich von den im Land verbliebenen Christen.

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Der IS hat Hatra als Truppenübungsplatz missbraucht.

Nach den antiken Ruinen erreichen wir nun unser Tagesziel: Mosul. Uns war schon bewusst, was uns in der ehemaligen Hauptstadt des islamischen Kalifats erwartete, aber trotzdem können einen die Bilder und Blogs nicht wirklich darauf vorbereiten, wenn man tatsächlich inmitten der Ruinen steht.

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Mosul war ursprünglich ein Schmelztiegel: Muslime, Juden und Christen lebten hier. Insbesondere für letztere war die Stadt ein wichtiges Zentrum, wovon noch viele Kirchen zeugen. 2014 eroberte der IS die Stadt, vertrieb einen Teil der Bevölkerung und zwang den Rest zur Konversion unter der Androhung der Hinrichtung. Es herrschte ein Terrorregime, bis kurdische Milizen Mosul 2017 zurückeroberten. In den Kämpfen wurde insbesondere die Altstadt schwerst beschädigt.

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Das alte Mosul muss eine schöne Stadt gewesen sein.

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Die Ruinen sind zudem gekennzeichnet. Liegt ein weißer Stein in der Tür, wurde sie schon beräumt, ein roter Stein zeigt an, dass sich noch Minen oder Munition darin befinden könnten.

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Al Nuri Moschee. Hier hielt der Anführer der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS), Abu Bakr al-Baghdadi, am 4. Juli 2014 in seinem einzigen öffentlichen Auftritt eine Freitagspredigt (Chutba), nachdem er am 29. Juni 2014 vom Sprecher des IS, Abu Mohammad al-Adnani, zum „Kalifen“ erklärt worden war. Die Moschee wurde bei den Befreiungskämpfen komplett zerstört. Besonders tragisch ist es um al-Hadba, das bucklige Minarett, das lange Zeit Mosuls Wahrzeichen war. 2014 konnte eine Menschenkette es noch vor einer Sprengung durch den IS bewahren.

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Und trotzdem: das Leben kämpft sich zurück. Der Basar ist in Eigenregie der Händler schon wieder aufgebaut und es sind unzählige Menschen auf den Straßen unterwegs. Jeder versucht, irgendetwas zu verkaufen. Dabei werden die Chinafakes immer besser. Abibas, Adidos, Nake usw. habe ich im Gegensatz zu 2019 nicht mehr gesehen, da nimmt man mittlerweile die richtigen Namen.

Die Menschen sind sehr neugierig, aufgeschlossen und freundlich. Wir haben an keiner Stelle Ablehnung erfahren. Nur einmal in den Ruinen der Altstadt hat ein alter Mann uns sein Leid geklagt, die die blöden Amerikaner ihm hier alles weggebombt haben.
Die Altstadt ist nahezu dem Erdboden gleichgemacht. Es ist erschütternd die Zerstörung zu sehen und sich das Leid zu vergegenwärtigen, das hier zugefügt wurde. Noch sind nicht alle Häuser von Munition bereinigt und sicher zu betreten. Aber der Aufbau geht in kleinen Schritten los.

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Im Basar.

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Sowas sieht man oft. Das ist ja offensichtlich fake, aber es waren auch einige echte Saisonkennzeichen darunter.

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Elektriker möchte ich hier nicht sein. Das ist Standard. Eigentlich hat man gar keine andere Wahl, als ein neues Kabel zu legen, weil doch keiner mehr weiß, wo was angeschlossen ist.

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Unser Abendessen haben wir uns auf dem Fischmarkt organisiert. Es soll Masgouf geben, gegrillten Karpfen, ein irakisches Nationalgericht. Wir suchen einen frischen Fisch aus, schauen beim Schlachten weg und warten dann, bis er uns ins Hotel geliefert wird.
Das Hotel ist ganz schick. Modern und sauber. Allerdings ist man sich beim Namen nicht ganz sicher. Mal firmiert es als Plaza, mal als Palace. Aber das kommt bei vielen Wörtern im Irak vor. Duhok - Dohuk, Tikrit - Tikreet, ...

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Gegen 6 kommt unser Fisch dann mit dem Taxi. Das Problem ist, bis Iftar ist er kalt. Das passiert uns aber regelmäßig. Ins Restaurant lieber spätestens 18.15 gehen. In der nächsten viertel Stunde wird es dann brechend voll. Aber sobald man am Tisch sitzt, wird alles schon aufgetafelt, viele kleine Vorspeisen, sowie auch die warmen Hauptspeisen. Und dann sitzt man davor und wartet…
Nach dem Essen sitzen wir dann noch eine Weile in der Lobby und unterhalten uns. Als Schichtwechsel an der Rezeption ist, lädt uns der neue Concierge ein, mit ihm zu Abend zu essen. Er spricht recht gut deutsch. Es stellt sich raus, er war zwei Jahre in Klagenfurt auf der Flucht vorm IS, wo ja auch eine Mitreisende herkommt, sowie einige Zeit in Gießen - auch hier hat sie gelebt. Die Welt ist so klein.
 
Montag, 03.04.2023

Ursprünglich wollten wir gern noch die ein oder andere archäologische Stätte auf dem Weg zwischen Bagdad und Mosul abgrasen. U.a. Nimrud und Assur standen auf unserer Liste. Doch laut Ibraheem sind beide derzeit leider nicht zugänglich. Der IS hat hier ziemlich gewütet und ich bin mir nicht sicher, ob beide Orte überhaupt noch existieren.

Daher haben wir heute etwas mehr Zeit in Mosul und beginnen unsere Stadtrundfahrt bei der Prophet-Yunus-Moschee. Der Prophet ist uns besser bekannt als Jona – ebenjener, der auch das Innere eines Wales erkundet hat. Gott gab ihm den Auftrag, dem sündigen Niniveh ein Strafgericht anzukündigen. Das tat Jona nicht und wurde daraufhin bei der Flucht vom Wal verschlungen. Nach einigen Gebeten kam er frei und erfüllte den Auftrag. Die Bewohner Ninivehs bereuten daraufhin ihre Sünden und wurden nun doch verschont.

Auf Jonas vermeintliches Grab wurde erst ein Kloster errichtet, welches später in eine Moschee umgewandelt wurde. Die Moschee wurde 2014 vom IS gesprengt, da die Terroristen die Jona-Verehrung als Götzendienst betrachteten. Bauarbeiten zur Wiederherstellung haben schon begonnen, aber viel ist noch nicht geschehen.

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Prophet-Yunus-Moschee

Restauriert wird auch am Plateau von Niniveh. Ca. 2.700 Jahre v. Chr. gegründet, stieg die Stadt später zur Hauptstadt des Assyrischen Reiches auf. Zwischenzeitlich verlassen und vergessen, wurde Niniveh im 19. Jh. wiederentdeckt. Insbesondere die hier befindliche Bibliothek des Aššurbanipal mit ihren 25.000 Tontafeln war eine Sensation. U.a. fand man den Gilgamesh-Epos, der als die biblische Sintflut gedeutet wurde. In den 1960er Jahren wurden große Teile der Stadtmauer rekonstruiert.

Aber auch hier haben die Bilderstürmer gewütet. 2015 hat der IS die beeindruckenden Lamassu-Statuen gesprengt und das ganze Gelände mit Bulldozern und militärischem Gerät eingeebnet. Wir haben nur ein Stück der Mauer und Wiederaufbauarbeiten am Tor des Gottes Adad gesehen. Der Rest des Geländes ist nicht zu betreten.

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Niniveh. Adad-Tor


Während der Schlacht um Mosul wurden die Brücken über den Tigris zerstört, bzw. beim Rückzug des IS mit Sprengfallen bestückt. Mittlerweile sind die Flussquerungen aber wieder vorhanden. Auf meinen Wunsch hin hält Ibraheem auf dem Highway beim Polizeiposten an und wirft uns aus dem Wagen. Wagemutig überqueren wir die Straße und spazieren nun über den Tigris mit schönem Blick auf das Ufer. Dabei wird ständig gehupt und gegrüßt.

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Mosul Grand Mosque, ehemals Saddam-Moschee. 1985 begonnen, ist die Moschee noch immer nicht fertig gestellt.

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Über den Tigris. Bashtabiya Festung.

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Imam-Muhsin-Moschee. Dieses kunterbunte Kuppel- und Spitzendurcheinander ist fantastisch!

Am anderen Ufer besuchen wir dann das Mosul Heritage House. Das Sommerhaus eines reichen Irakers wurde in ein kleines Museum verwandelt. Ein wunderschönes altes Haus mit einer interessanten Führung, u.a. mit VR-Brille. Das Highlight waren jedoch die vielen Kinder. Die Kindergärten feiern gerade Abschluss und dafür werden Fotos wie zur Exmatrikulation geschossen.

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Mosul Heritage House. Kindergarten-Exmatrikulation


Ganz in der Nähe befindet sich die Bashtabiya Festung, das letzte Stück der Stadtmauer von Mosul. 2015 wurde sie im Zuge der Kampagne gegen das Kulturerbe vom IS gesprengt. Wir wollten eigentlich rein, aber es war abgesperrt. Ein netter Iraker führte uns von der Seite durch Gestrüpp und Geröll heran, aber das war der Polizei nicht so Recht und wir mussten umkehren.

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Dass Mosul ein Schmelztiegel war, erwähnte ich ja schon. Das zeigt sich auch an den vielen Kirchen im Stadtbild. Viele sind, wie der Rest der Altstadt, nur noch Ruinen. Bei einigen sind die Wiederaufbauarbeiten allerdings schon gut vorangeschritten, wie z.B. bei Mar Thoma. Die syrisch-orthodoxe St.-Thomas-Kathedrale ist die älteste Kirche Mosuls. Sie wurde im Jahr 640 an der Stelle des Hauses eröffnet, in dem der Apostel Thomas auf seinem Weg nach Indien gerastet haben soll. Während der IS-Zeit diente das Gebäude als Gefängnis, hat aber glücklicherweise die Kämpfe während der Befreiung verhältnismäßig unbeschadet überstanden. Die Dominikanerkirche unserer lieben Frau der Stunde wurde vom IS gesprengt, ist aber auch schon fast wieder fertiggestellt. Hier konnten wir allerdings nicht reinschauen. Der Glockenturm wurde in den 1880er Jahren von der französischen Ex-Kaiserin gestiftet.

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Kirche unserer lieben Frau der Stunde.

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Mar Thoma

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Am frühen Nachmittag verabschiedeten wir uns von Ibraheem. Er fuhr nach Bagdad zurück und wir gingen noch einmal allein auf den Basar. Die Überquerung des Tigris über die „Old Bridge“ war ein Spießrutenlauf – im positiven Sinne. Wir wurden ständig um Selfies gebeten. Die Leute haben sich so sehr gefreut, uns hier zu sehen, das ist der Wahnsinn. Jetzt stelle man sich mal den Umgekehrten Fall vor, dass ein Iraki 'ne Brücke in Hamburg überquert…

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Ein typischer Bäcker :smiley_lachen:

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Passend zum Sonnenuntergang sind wir zurück im Hotel. Heute ist Iftar exakt 18:28. Das Abendessen wird aber erst gegen sieben geliefert. Es gibt Kebab. Hier ist das Essen spottbillig. Für 5.000 Dinar sind wir mehr als satt geworden. Umgerechnet 3,3 €.

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Dienstag, 04.04.2023


Heute holt nimmt uns Karwan, Guide Nummer zwei in Empfang. Mit ihm verlassen wir Mosul und passieren drei oder vier Checkpoints, bis wir an der Grenze zu Kurdistan stehen. Theoretisch ist Kurdistan noch Teil des Iraks, aber als autonome Region grenzt sie sich deutlich vom Federal Iraq ab, inklusive Grenzkontrolle und eigenem Visum. Wenn man in Kurdistan das Land betritt, kommt man mit dem kurdischen Visum nicht in den Rest des Landes. Umgekehrt zählt das irakische Visum allerdings für das komplette Staatsgebiet. So hatten wir dann an der Grenze außer ein wenig Wartezeit keine weiteren Probleme.

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Abschied aus Mosul

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Grenze Irak-Kurdistan. Fotos von den Checkpoints sind natürlich nicht gestattet, aber ganz oben sieht man zumindest 'ne Ecke.

Es ist aber erstaunlich, wie schnell sich das Land nach der Grenze ändert. Die Landschaft wird grün und hügelig, die Straßen sind in einem ziemlich guten Zustand – und man sieht zahlreiche Blitzer. So viele gibt es nicht mal in Brandenburg. Grundsätzlich habe ich Kurdistan als eine modernere und eher nach Westen orientierte Gesellschaft wahrgenommen als die arabischen Iraker. Das ist aber natürlich erst einmal der äußere Schein. Wie tief das in die Gesellschaft hinein reicht, ist eine andere Sache. In Teehäusern kommt man häufiger ins Gespräch und ein Kurde, der nach 20 Jahren in England nun wieder in seiner Heimat ist, hat z.B. stolz berichtet, dass es heutzutage nicht mehr üblich ist, seine Frau in der Öffentlichkeit zu schlagen.

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Grünes Kurdistan. Das Gebäude ist ein Jesidentempel.

Aber bis zum Teehaus muss die Sonne erst einmal untergehen und wir haben noch ein Stück Weges vor uns. Ein Abstecher zur archäologischen Stätte von Faida klappt nicht, wie geplant, da einfach niemand vor Ort aufzutreiben ist, der uns das Tor öffnet. Aber mein Engländer stand vor der Reise in Kontakt mit einem der Archäologenteams. Da lässt sich dann in den nächsten Tagen doch bestimmt noch etwas organisieren.

So aber fahren wir erstmal weiter nach Dohuk. Oder Duhok. Oder Dahuk. Oder Dihok… Das ist eben die Krux mit der arabischen Schrift, die ist mit den Vokalen nicht immer eindeutig. Und wenn jetzt noch verschiedene Sprachen zusammenkommen – arabisch und verschiedene kurdische Dialekte – macht das die Sache nicht leichter.

Kurz vor Dohuk quälen wir uns einen steilen Berg hoch. Von oben gibt es einen grandiosen Blick ins Umland und auf Dohuk, doch für unser eigentliches Ziel müssen wir wieder ein Stück runter. Über sehr anspruchsvolle Pfade schlängeln wir uns durch eine wunderbare Blumenvielfalt. Das Frühjahr ist die perfekte Reisezeit für Kurdistan. Die beiden Engländer bringt der Weg an ihre Grenzen, J. gibt nach der Hälfte auf und wartet. C (wie gesagt: 80 Jahre!) schlägt sich wacker und besonders beim späteren Wiederaufstieg hatte ich Sorgen. Aber am Ende werden wir mit grandiosen 2.700 Jahre alten Reliefs belohnt! Sie werden mit einem Kanalsystem in Zusammenhang gebracht, auf das ich in den nächsten Tagen noch einmal zu sprechen kommen werde. Leider stirbt der dümmere Teil der Menschheit nie aus, denn zahlreiche Graffiti "zieren" die Wände.

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Blick auf Dohuk

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Kletterpartie :smiley_erstaunt:

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Da gehts runter zur Halamata Cave

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Halamata Cave, bzw. Maltai Relief

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Nach der anstrengenden Kletterpartie gönnen wir uns noch ein Eis am Dohuk-Damm, bevor wir unser Hotel im Stadtzentrum beziehen. Die Standards aller unserer Unterkünfte waren in Ordnung bis gut. Etwas gewöhnungsbedürftig ist, dass die Duschen teilweise ohne irgendeine Abtrennung direkt im Raum sind und hinterher das Bad unter Wasser steht. Und ganz egal, ob einfache Unterkunft oder Hotel westlichen Standards: es verging kein Abend, an dem nicht der Strom (teils mehrfach) ausgefallen wäre. Zwar springt gleich ein Generator an, aber mindestens 10 Sekunden sitzt man doch im Dunkeln.

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Der Barzani-Clan ist einer der führenden Stämme Kurdistans. Er ist schon lange im Unabhängigkeitskampf engagiert und bestimmt die Politik der autonomen Region.

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Dohuk-Damm

Den Abend verbringen wir auf dem Basar. Die Läden werden zwar schon langsam für Iftar dicht gemacht, aber zumindest im Obst- und Gemüsebasar ist noch reges Leben. Der Überfluss! Radieschen so groß wie eine Kinderfaust. Frische Pistazien, Äpfel, Zitrusfrüchte, Auberginen, Melonen, … Unsere Supermärkte sind so trostlos dagegen.

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Mitte links: frische Pistazien werden mit grüner Schale gegessen. Leicht sauer, ungefähr wie eine noch nicht so reife Aprikose. Mitte rechts: Rhabarber! Der sieht schon ganz anders aus als unserer und wird zwischendurch als Snack geknabbert.

Da sich Iftar ja nach dem Sonnenstand richtet, hat jede Stadt auch ihre eigene Zeit fürs Fastenbrechen. Gestern in Mosul war es 18.28, heute in Dohuk 18.36. Karwan bestellt eine bunte Mischung und wir teilen. Begonnen wird aber stets mit einer Dattel. Zum Abschluss lädt er uns in die Märtyrerteestube ein, die mit Bildern, Memorabilia und Waffen gefallener Peschmerga und anderer Kurden dekoriert ist. Etwas makaber...

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Mittwoch, 05.04.2023


Dohuk ist für die nächsten Tage unsere Basis. Von hier aus gibt es Ausflüge in die Umgebung. Die Stadt ist von einer angenehmen Berglandschaft umgeben – kein alpines Hochgebirge, aber ein angenehmes auf und ab. Später in der Ebene wird viel Landwirtschaft betrieben und man sieht zahllose Schafe – fast so viele, wie Blitzer. Paradoxerweise gibt es innerhalb der Ortschaften keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, nur außerhalb.

Fahrt durch Dohuk

Berge östlich von Dohuk

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Solche Blitzer sieht man häufig. Es gibt aber auch mobile Radarkontrollen.

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Checkpoint voraus.

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In der Gegend gibt es auch einige syrische Flüchtlingslager


Bei unserem ersten Besichtigungspunkt gibt es nicht wirklich was zu sehen, vielmehr ist Vorstellungskraft gefragt. Tall Jumal ist eine Ansammlung von vielleicht 50 Häusern auf einem Hügel. Von hier aus überblickt man eine fruchtbare Ebene mit großen Weizenfeldern. Uns interessiert jedoch mehr, was hier vor 2.300 Jahren stattfand. Am 01. Oktober 331 v. Chr. standen hier 200.000 Persern etwa 47.000 Helenen gegenüber. Wir befinden uns in Gaugamela, wo eine der großen Schlachten der Weltgeschichte gefochten wurde. Der Triumph Alexanders des Großen über Dareios III. besiegelte das Ende des Persers. Bei Ausgrabungen vor einigen Jahren ist man auf Überreste einiger Soldaten gestoßen. Noch heute gibt es in Dohuk viele blonde und blauäugige Menschen, die Nachkommen von Alexanders Soldaten sein sollen.

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Die Ebenen von Gaugamela

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Gaugamela - Tall Jumal

Von der Hauptstraße aus biegen wir dann in eines der Felder ein. Beim Zustand der Feldwege bin ich froh über unseren Nissan Safari. Versteckt zwischen den Hügeln finden wir eine Ansammlung behauener Steine: die Reste des Aquädukts von Jerwan. Mögen sich die Römer noch so viel auf ihre Wasserbaukunst einbilden, das älteste Aquädukt steht in Kurdistan! 705-681 v. Chr. herrschte Sennacherib über das Assyrische Reich und baute die Hauptstadt Niniveh massiv aus. Vor allem die Palastanlagen suchten ihres Gleichen. Um die dazugehörigen Gärten zu bewässern und das Umland fruchtbar zu machen, ließ er zwischen 703-690 v. Chr. ein knapp 150 km langes Bewässerungssystem errichten, dass Wasser aus den kurdischen Bergen bis nach Mosul transportierte. Es wurden Kanäle, Tunnel und Aquädukte angelegt, das aufwändigste hierbei jenes von Jerwan. Die Steinblöcke sind über und über mit Keilschrift verziert: „Sennacherib, König der Welt, König von Assyrien. Über eine große Entfernung ließ ich einen Wasserlauf in die Umgebung von Ninive leiten, der die Gewässer miteinander verbindet. Über steile Täler spannte ich ein Aquädukt aus weißen Kalksteinblöcken, ich ließ die Wasser darüber fließen.“

Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass die hängenden Gärten von Babylon, eines der sieben Weltwunder, eigentlich die vom Aquädukt gespeisten Gärten von Niniveh sind.

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Jerwan-Aquädukt

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Zum Mittag gibts Falafel :smiley_lecker:


Ein Paar Kilometer weiter am Oberlauf des Flusses Gomel Su stoßen wir in Khannis (oder Khinnis) auf ein weiteres Zeugnis der Anlage. Sennacherib ließ meterhohe Götterdarstellungen in den Felsen schlagen, um die Fertigstellung des Bewässerungssystems zu feiern. Später haben Zoroastrier Höhlen in die Felsen geschlagen, um ihr Toten zu lagern, deren Überreste traditionell den Vögeln überlassen wurden.

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Khannis. Auf den Bildern kommen die Reliefs leider nicht so gut zur Geltung. In der Realität kann man sie noch ziemlich gut erkennen.
Es sind aber schon Teile der Reliefs abgestürzt. Im Wasser liegt ein Lamassu


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Hochkultur trifft Moderne :smiley_kopfwand:


Der Irak, bzw. Kurdistan ist ein Land uralter Geschichte. Und wo Hochkulturen entstehen und vergehen, entwickeln sich auch reichhaltige religiöse Traditionen. Den Nahen Osten nimmt man meist als muslimisch geprägten Landstrich wahr, allenfalls noch mit ein paar Christen und Juden. Aber da ist noch so viel mehr: wie etwa die Jesiden. Diese Volksgruppe/Glaubensgemeinschaft übernimmt einige christliche und muslimische Elemente, folgt aber auch altorientalischen Traditionen. Schon Zeit ihres Bestehens ist sie Verfolgung ausgesetzt gewesen, aber ab 2014 gipfelte es in einen Genozid durch den Islamischen Staat. Männer wurden ermordet, Frauen vergewaltigt und versklavt. Andersgläubige wurden zwar ohnehin verfolgt, aber den Jesiden wurde insbesondere zum Verhängnis, dass sie immer wieder als Teufelsanbeter verleumdet wurden. Neben Gott hat für die Jesiden Melek Taus, ein von Gott geschaffener Engel in Form eines Pfaus, besondere Bedeutung. Er fiel einst in Ungnade und wurde in die Hölle verbannt, hat dann aber Vergebung erfahren und wurde zum Mittler zwischen Schöpfer und Menschen. Die Verknüpfung von Melek Taus und Satan wurde aber wahrscheinlich erst nachträglich von Christen und Muslimen hergestellt.

Mit 1-1,5 Mio. Mitgliedern ist es eine relativ kleine Gemeinschaft. Das liegt aber auch daran, dass man nur durch Geburt Mitglied werden kann und nur eine Heirat innerhalb der Gemeinschaft erlaubt ist. Das stellt nach den Gräueln durch den IS ein großes Problem dar, da die versklavten und von Nichtjesiden missbrauchten Frauen eigentlich aus der Gemeinschaft ausgestoßen werden müssten. Das ihnen aber erspart. Diese Gnade ist den daraus hervorgegangenen Kindern aber leider nicht zu Teil geworden. Sie sind aus der jesidischen Gemeinschaft ausgestoßen.

Das Hauptheiligtum der Jesiden befindet sich in Lalish. Hier liegen mehrere Scheichs begraben, die zu den wichtigsten Heiligen der Jesiden gehören. Zudem wird Lalish als Ort der Schöpfung angesehen und das Grab Adams hier verortet.

Das Tempelgelände wimmelt nur so von Gläubigen. Am Eingang werden wir gleich von einer tanzenden Gruppe begrüßt, zu Wasser und Saft eingeladen. Ramadan wird hier ja nicht gehalten. Es stellt sich heraus, dass viele aus Deutschland stammen. Sie nutzen die Osterferien für einen Heimatbesuch. Auch wenn die Gemeinschaft keine Menschen außerhalb ihrer Reihen aufnimmt, ist sie ansonsten doch recht offen gegenüber Besuchern. Wir konnten das Heiligtum erkunden, wurden neugierig beäugt, um Selfies gebeten und in zahlreiche Gespräche verwickelt. Unterwegs ist man im ganzen Tempelgelände barfuß. Heute war das angenehm, aber im Winter möchte ich das nicht auf mich nehmen.

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Lalish. Die Schlange hat eine wichtige Bedeutung. Während der Sintflut ist Noahs Arche an den Bergspitzen von Lalish hängen geblieben und Leck geschlagen. Daraufhin hat sich die Schlange in den Spalt gezwängt und die Arche gerettet.
Innen sind die Tempel düster und schmucklos. Ein krasser Gegensatz zu den verspiegelten Moscheen, die ich im Südirak gesehen habe.


Später geht es dann zurück nach Dohuk und wir durchstreifen noch ein bisschen die Basare.

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Mitte links: Auf dem Markt ist ein großes Zelt aufgebaut. Wohlhabende Einwohner Dohuks stiften hier das Mahl fürs Fastenbrechen für die ärmere Bevölkerung.

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Donnerstag, 06.04.2023


Nach einem Dattelfrühstück geht es heute zurück nach Faida, die bei der Ankunft in Dohuk geschlossene archäologische Stätte. Aber C. kennt jemanden, die jemanden kennt, der jemanden kennt. Im Duhok National Museum holen wir uns den Schlüssel ab und fahren nach Faida.

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Sputnik?! :smiley_erstaunt:

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Eigentlich war das Museum geschlossen, aber wenn wir schonmal hier sind, haben sie uns zumindest mal einen Raum aufgeschlossen.

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Wir befinden uns nun hinter einer Ziegelei inmitten eines gelben Rapsmeeres. Beim Bau einer Rohrleitung ist man zufällig auf einen Kanal aus der Zeit Sargons II. (der Vorgänger Sennacheribs) gestoßen ist. Er war Teil eines größeren Bewässerungssystems. Die Wände entlang des Kanals sind mit Reliefs geschmückt. Mehrere Abschnitte des Kanals sind von einem Team der Universität Udine schon ausgegraben worden, aber mit Sicherheit gibt es noch viel zu finden.

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Weiter geht es nun nach Alqosh. Der aramäische Name bedeutet „Der Gott der Rechtschaffenheit“. Alqosh wurde vor ca. 2700 Jahren das erste Mal erwähnt und ist eine der ältesten christlichen Gemeinden des Irak. Hier leben ausschließlich Christen. Zwar stand 2015 der IS vor den Toren, doch der Ort wurde nicht eingenommen. Seitdem benötigt man eine spezielle Erlaubnis, um von den Peschmerga eingelassen zu werden. Die haben wir natürlich.

Im Ort befindet sich auch eine Synagoge mit dem Grab des Propheten Nahum, der den Fall von Niniveh vorhergesagt hat. Allerdings sitzen wir erst einmal in der Sonne und warten auf den Mann mit dem Schlüssel.

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Auf dem Weg nach Alqosh kommen wir wieder an einem der Flüchtlingslager vorbei.

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Alqosh. Die Flagge oben rechts ist die der Assyrer. Teilweise werden sie auch einfach nur als Syrer bezeichnet. Aber das ist irreführend, da es mit dem modernen Staat Syrien nichts zu tun hat. Es ist eine hauptsächlich christliche Minderheit, die auf Aramäer, Chaldäer und Assyrer zurückgeht.

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Alqosh. Synagoge mit dem Grab des Propheten Nahum.


In den Bergen hinter Alqosh klebt wie ein Schwalbennest das Kloster von Rabban Hormizd. Die Gründung erfolgte im 7. Jahrhundert und von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis 1804 war das Kloster offizielle Residenz des ostsyrischen Katholikos-Patriarchen von Seleukeia-Ktesiphon. 1830 wurde es als Kloster der chaldäisch-katholischen Kirche wiederbegründet. Der einstweilen letzte der Mönche von Rabban Hormizd starb 2011.
Fotografieren ist drinnen leider verboten. Auch heimliche Schnappschüsse habe ich mir verkniffen, CCTV ist in Kurdistan sehr gut ausgebaut.

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Rabban Hormizd

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Friedhof Alqosh

Zurück in Alqosh machen wir noch einen kurzen Spaziergang über den malerischen Friedhof, ehe es wieder Richtung Westen geht. Bevor wir aber Dohuk erreichen gibt es noch einen Abstecher zum Tigris Lake, der durch die Aufstauung am Mosuldamm entstanden ist. Jener ist die größte Talsperre des Irak und zählt zu den gefährlichsten der Welt. Nach der US-Invasion haben amerikanische Ingenieure massive Baumängel am Damm aus Saddam's Zeiten festgestellt. Bei einem Bruch bei vollem Füllstand könnte Mosul 20m überflutet werden. Renovierungsarbeiten wurden zwar begonnen, doch seit der Eroberung durch den IS ruht alles. Allerdings ist die Talsperre schon lange nicht mehr voll. Wir fahren knapp anderthalb Kilometer über den Seeboden, bevor wir das Ufer erreichen. Im vergangenen Jahr ist aufgrund des niedrigen Füllstandes eine 3400 Jahre alte Stadt aus dem Mittani-Reich wieder aufgetaucht. Leider konnten wir sie nicht besuchen, da der Wasserstand seitdem wieder ein bisschen gestiegen ist.

3400 Jahre alte Stadt aus dem Tigris aufgetaucht

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Tigris Lake

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Zurück in Dohuk verzichten wir heute mal aufs Essen gehen. Der Basar gibt so viel her: Radieschen, frisches Brot, Trauben, Oliven. Und natürlich Baklava!

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Nein, das ist kein Spülmittel. Das sind Säfte. Aber die Farben haben mich doch etwas abgeschreckt.

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Kurden sind tatsächlich auffällig kleiner als wir.
Die kurdische Regierung hat das Betteln verboten. Wenn allerdings eine kleine Dienstleistung angeboten wird, wie etwa das Wiegen, ist es okay. Es gibt auch sehr viele Kinder und alte, die einfach nur eine Packung Taschentücher verkaufen. Oder Plastiktüten - für den Einkauf im Basar.


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Der Irak hat einen katastrophalen Plastikverbrauch. Diese Wasserbecher sind absolut üblich. Bei dem warmen Wetter sind auch mal schnell 10 von den Dingern weg getrunken. Wenigstens wird hier in Kurdistan ein bisschen besser auf die Entsorgung geachtet, als im Restirak.
 
Freitag, 07.04.2023

Schon eine Woche unterwegs – das kommt mir gar nicht so lange vor. Zumindest wird es mal wieder Zeit für einen Tapetenwechsel. Wir verlassen Dohuk nun endgültig Richtung Osten. Die Landschaft ändert sich rapide, die Berge werden immer höher und man sieht sogar ein wenig Schnee auf den Spitzen. Derweil ziehen sich Mandelplantagen und Weinreben durch die Täler. Einen kurzen Zwischenstopp machen wir an einem von Sadams ehemaligen Palästen, der nun von den Peschmerga als Trainingsbasis genutzt wird. Peschmerga, „die dem Tod ins Auge sehenden“ gibt es schon seit dem Ende des Osmanischen Reiches. Ursprünglich waren es die Kämpfer für die kurdische Unabhängigkeit, eine Partisanenarmee, bzw. der bewaffnete Arm der diversen kurdischen Parteien. Mittlerweile ist es die offizielle Armee des irakischen Kurdistans.
Natürlich waren wir nicht auf dem Kasernengelände, sondern haben nur einen Fotostopp an der Mauer voller Motivationspropaganda gemacht.

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Mandeln

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Tanken auf kurdisch :smiley_grinsen: Unser Auto hat zwei Tanks. Die Spritpreise schwanken. Das teuerste, was ich gesehen habe, waren ca. 1.200 Dinar/l (Benzin, 80 Cent). Es gibt auch einige von der Regierung subventionierte Tankstellen, da zahlt man nur 850 D/l. Da steht aber dann auch schonmal eine Schlange an, die locker den Kilometer erreicht.

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Kurz danach erreichen wir Amediye/Amedi. Die Stadt in den Wolken ist knapp 5.000 Jahre alt. Wir schlängeln uns enge Serpentinen hoch für einen spektakulären Ausblick auf das Plateau. Ein pittoreskes mittelalterliches Stadtbild, wie man es vielleicht von Europa erwarten würde, gibt es zwar nicht, aber das tut dem Ort keinen Abbruch. Im Laufe seiner Geschichte hat Amedi alle Religionen beherbergt. Die Moschee, die wir besuchen, war früher wohl eine Synagoge oder eine Kirche. So sicher ist man sich nicht mehr. Von der alten Festung steht nur noch ein Tor, welches gerade Restauriert wird. Den parthischen Torwächter erkennt man aber noch gut. Man erzählt sich, die drei Weisen aus dem Morgenland sollen eigentlich aus Amedi stammen.

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Amedi.

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Stillleben mit Staubsauger :lachtot: Eigentlich sollen Moscheen schlicht sein, um nicht vom eigentlichen Zweck, dem Beten abzulenken.

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In der Region hier spürt man den Unterschied in der Mentalität zwischen Kurdistan und Restirak am deutlichsten. Solche Schilder wären im Süden nicht denkbar.



Gegen Mittag erreichen wir dann Barzan. Dies ist der Heimatort und Namensgeber des Stammes der Barzani, der unter den Kurden des Iraks eine führende Position innehat. Masud Barzani war bis 2017 Präsident Kurdistans und seitdem ist sein Sohn Ministerpräsident. Masuds Vater, Mustafa Barzani, war 1946 bis zu seinem Tod Führer der irakischen Kurden. Hier ist der kurdische Wille zur Unabhängigkeit besonders ausgeprägt. Daher hat 1961 die irakische Luftwaffe einige Dörfer der Umgebung zerstört und 1983 ca. 8000 Mitglieder des Barzani-Stammes deportiert und teils ermordet. Wir schauen uns die Gedenkstätte für die Vorfälle 1983 an.

So ganz kommt die Anlage aber gar nicht zur Geltung. Aus der Luft betrachtet stellt sie eine Tulpe dar, sowie eine Tulpenzwiebel. Die Hintergründe habe ich noch nicht im Detail recherchiert, aber die Bergtulpe muss wohl ein Symbol für die Region sein.

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Nach dem Moment der Stille neben all den Gräbern lotst uns Karwan in ein kleines Tal und packt eine Wassermelone aus - Zeit für ein Picknick. Wir sind im Zoragvan Nature Reserve. Zwischen knorpeligen Bäumen fließt eigentlich ein Bach, doch der versickert schon auf halber Strecke. Wäre nicht gerade Ramadan, kämen viele zum Picknicken hier her, besonders freitags. Doch jetzt haben wir das idyllische Fleckchen für uns allein.

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Zoragvan Valley Nature Reserve

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Geli Ali Beg Wasserfall


Im Anschluss geht es über viele Serpentinen in die Berge. Es bleibt aber grün, Bäume fällen ist verboten. Die Strecke ist Anspruchsvoll, rechts und links türmen sich die Felswände auf. 1928-32 wurde hier die Straße von Erbil bis an die persische Grenze errichtet. Die nach ihrem Erbauer, einem neuseeländischen Ingenieur, benannte Hamilton Road ist eine Meisterleistung. Sie schlängelt sich durch enge Schluchten, sie sich durch enge Schluchten, überhängende Felswände auf der einen Seite, rauschendes Wasser auf der anderen.
Mitten in den Bergen erreichen wir das Provinznest Soran. Unser Hotel hat eigentlich einen bombastischen Blick, aber es ist sehr abgewohnt. Es wurde während Corona als Quarantänestation genutzt. Wahrscheinlich gingen die „Gäste“ nicht sonderlich pfleglich mit allem um.

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Soran Palas Hotel. Der Blick hat schon was für sich! In den Hütten sitzt man dann abends zum Rauchen und Domino spielen.

Aber ich will euch auch nicht die Highlights aus dem Zimmer vorenthalten:


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Zum Iftar gibt es heute Tashreeb. Das Auge isst hier nicht so ganz mit, aber der Gaumen freut sich. Es ist ein Lammfleisch-Brot-Eintopf.


Samstag, 08.04.2023


Heute geht es statt in die Historie mal „nur“ in die Natur. Die hat es aber in sich. Von der Hamilton Road habe ich ja schon berichtet. Nach dem Frühstück fahren wir auf ihr nun weiter Richtung iranische Grenze. Die Berge werden immer höher, die Hänge bleiben Grün und ab und an blitzt schon ein wenig Schnee durch. Ganz ohne Geschichte geht es aber doch nicht, daher sei mir noch die kurze Anmerkung gestattet, dass der Rawanduzpass im Zagrosgebirge schon seit alters her eine wichtige Verbindung in den Iran ist. Der Perser Kyros II. hat auf diesem Weg Babylonien erobert. Bis 1981 befand sich auf dem Pass die 2.900 Jahre alte Kel-i-Schin-Stele, mit deren Hilfe die urartäische Sprache entschlüsselt werden konnte. Mittlerweile befindet sie sich im Iran, aber so weit führt uns unsere Fahrt heute nicht, auch wenn wir die Grenze in der Ferne schon sehen. Im Moment sollte man aber im Grenzgebiet nicht unbedingt wandern gehen.

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Das Bergpanorama ist allerdings großartig. Der Blick geht über das Zagros Gebirge bis hin zum Cheekha Dar, dem höchsten Berg des Irak (3611m). Karwan stand schon an der Spitze, aber das wollte er uns dann doch nicht zumuten. Stattdessen schaltet er Allrad zu und auf geht’s. Am Ende werden wir am Gomi Felaw mit einem idyllischen Bergsee belohnt. Und vorm Bergpanorama flattert die kurdische Flagge. So friedlich und still... Aber man sollte nicht zu weit in die Berge wandern: Landminen!


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Bergsee Gomi Felaw

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Nur ein paar Serpentinen weiter befindet sich Sakran. Das bedeutet betrunken. Der Ort wurde so benannt, weil man trunken vor Glück wird bei der Aussicht. Wir kraxeln über die Felsen, spähen in die Schlucht und freuen uns über Bergtulpen.

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Sakran

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Gegen Nachmittag sind wir zurück in Rawanduz/Rewandiz/Rwandz/wieauchimmer.
Rawanduz war einst Hauptstadt des kurdischen Emirats Soran. Später fiel es an das osmanische Reich, geriet dann aber zum Zankapfel zwischen Osmanen und Briten. 1922 rief sich hier ein Scheich zum König von Kurdistan aus, das hatte aber keinen Bestand. Mustafa Barzani, der spätere Kurdenführer, war übrigens ein Anhänger besagten Scheichs. Die Stadt hat übrigens ihren Namen vom gleichnamigen Stamm, aus dem auch Sultan Saladin und die Ayyubiden stammen.

Doch wegen all der Geschichte sind wir gar nicht hier, sondern wegen der Rawanduzschlucht. Die gräbt sich hier spektakulär in die Felsen. Ein wenig erinnert es mich an Constantine/Algerien. Zu Zeiten der arrangierten Ehen war dies ein beliebter Ort für Selbstmorde.

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Rawanduz-Schlucht

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Hamilton, Erbauer der gleichnamigen Straße. Er hat über seine Erlebnisse auch ein Buch geschrieben: "Road through Kurdistan". Leider nur antiquarisch zu unschönen Preisen erhältlich. Und ich bin noch nicht so überzeugt von eBooks.

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Ich finde die Sockelbeschriftung ja sehr schön mit der Google-Maps-Karte :smiley_grinsen:

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Bekhal Wasserfall. Hier reiht sich ein Restaurant neben das andere. Zu Nichtramadanzeiten ist hier mit Sicherheit viel los.

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... man kann dann auch gern die Sommerrodelbahn 100m über den Abhang nehmen. Aber nach den Elektroinstallationen im Hotel, bin ich mir nicht so sicher, ob das so eine gute Idee ist.

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Der Blick von oben zeigt die Hamilton Road noch in einer anderen beeindruckenden Perspektive.

Hamilton Road

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Heute gibt es Chicken Kebab. Die Linsensuppe rechts im Bild ist auch eine Art Grundnahrungsmittel. Die gibt es jeden Abend dazu. Und zum Frühstück meist auch. Und zum Mittag...

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Ach ja, ich hatte ja erzählt: in den Hütten beim Hotel wird fleißig gespielt :D

Fortsetzung folgt :)
 
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Wieder mal ein super Reisebericht vom Weltenbummler @kaamos - wie immer sehr detailliert und mit viel historischer Kenntnis und phantastischen Bildern gespickt.

Danke dafür - das macht Lust auf mehr!!!

Ich würde mir so ein Abenteuer aber ehrlich gesagt nicht zutrauen. Respekt für deinen Mut - und dem deiner älteren Reisebegleiter!
 
Der Wahnsinn. Danke für diesen herausragenden Reisebericht.
 
Ja, ein toller Bericht (Beschreibungen und Fotos), danke! Zugegeben, für mich wäre das nichts – andererseits sind die Leute, mit denen Du zu tun hattest, vermutlich gerade deshalb so gastfreundlich oder herzlich, weil sie eben nicht jeden Tag mit Hunderten von Touristen zu tun haben. ;) Zudem kann ich Arabisch weder sprechen noch verstehen/lesen.

Bei dem unter Saddam Hussein betriebenen "Wiederaufbau" von Babylon sollte man, soweit ich weiß, ein wenig skeptisch sein. Das ist wohl nicht alles historisch so präzise wie Archäologen es gern hätten ... Aber immerhin wurde dort nicht wütend alles zerstört, was den Eroberern, wie beim IS in Mosul, politisch nicht passte

Es gibt ja diesen schönen Satz "Du reist wegen der Erlebnisse, die Du nicht erwartet hast". Ihr hattet natürlich ein Programm, das den Rahmen abgesteckt hat, aber ansonsten gab es offenbar vieles, das wirklich unerwartet war und "entdeckt" werden wollte. :respekt:
 
Danke für euren Zuspruch. Das "mehr" wird in den nächsten Tagen noch folgen, wir sind ja jetzt erst bei der Hälfte angekommen.

Zum Mut... zugegebenermaßen ist es eine Gegend, die in den letzten Jahrzehnten etwas in Misskredit geraten ist. Teilweise zu Recht. Aber das Bild kann ja auch nur negativ gefärbt sein. Diese Regionen wären ja gar nicht so präsent bei uns, wenn es keine negativen Schlagzeilen gäbe. Es ist wie in so vielen Bereichen, die positiven Dinge werden wenig gesendet, wenig beachtet.
Die Familienurlaube waren bei mir eigentlich soweit ich zurück denken kann immer selbst organisiert mit Auto quer durch Europa und ein paar Mal in den nahen Osten. Das hat sicher auch meine eigene Wahrnehmung beeinflusst, was möglich ist. Von daher nehme ich es nicht als besonders mutig war, kann es aber nachvollziehen, dass es für andere so ist.

Und arabisch spreche ich auch nicht ;)
Die Buchstaben kann ich halbwegs lesen, aber das wars auch schon.

Bei dem unter Saddam Hussein betriebenen...

Naja, Hussein wollte sich ja als neuer Nebukadnezar inszenieren^^
"Du reist wegen der Erlebnisse, die Du nicht erwartet hast"
... der gefällt mir :)
Das ist ja das große "Problem" heutzutage, mit all den Blogs uns Influenzanistas kann man eigentlich schon ziemlich gut abschätzen, was einen so erwartet. Das ist einerseits schön, ich plane sehr sehr sehr gerne alles minutiös vor :schaem:
Andererseits nimmt das natürlich ein wenig vom Abenteuer. Aber glücklicherweise bin ich auch schon wieder so vergesslich, dass ich die Hälfte vom gelesenen Reiseführer bis zum Trip wieder aus dem System raus hatte.

Für den Sommer plane ich ein Experiment... eine Fahrt ins Blaue. Das kostet mich wahnsinnig viel Überwindung. Ganz ohne Planung. Navi ausschalten und einfach irgendwohin. Ich weiß noch nicht, ob ich es schaffen werde, das durchzuziehen :eek:
 
Wow ich hab noch nicht alles gelesen und gesehen ist ja schon spät, aber super Bericht morgen lese ich weiter.
Vielen Dank dafür!
 
Ostersonntag, 09.04.2023

Das Frühstücksrestaurant sieht heute noch genauso aus wie gestern – und das meine ich auch so. Die Tische wurden mit Sicherheit nicht gewischt und wahrscheinlich ist es auch noch das gleiche Buffett. Das ist schade um den Eindruck, denn bisher waren alle Hotels sehr bemüht. Aber glücklicherweise war dies auch unsere letzte Nacht in Soran. Ein letztes Mal geht es noch durch die Schlucht der Hamilton Road, bis wir nach Süden abbiegen.

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Nach einiger Zeit erreichen wir Shaqlawa. Die Kleinstadt hat eine nette Fußgängerzone, auch wenn es für geöffnete Läden noch etwas zu früh ist. Zudem ist heute nicht nur Ostersonntag, sondern auch Baghdad Liberation Day, ein Feiertag in Kurdistan. Am 09.04.2003 sind die amerikanischen Streitkräfte in Bagdad einmarschiert und haben das Regime Saddam Husseins beendet. Shaqlawa ist berühmt für Süßigkeiten und Baklava – und so freuen wir uns natürlich, dass sich doch noch ein offenes Geschäft finden lässt, in dem wir unsere Dinare lassen können.

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Danach müssen wir einen kurzen Zwischenstopp in einer Werkstatt einlegen. Ein Loch im Reifen muss geflickt werden. Aber das ist nur eine Sache von 20 Minuten und schon kurz darauf biegen wir ab in die Natur. Habe ich schon einmal erwähnt, dass Frühling die beste Jahreszeit für die Region ist? Es blüht überall: Raps, Anemonen – es ist einfach idyllisch hier.

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Interessant. Wahrscheinlich oute ich mich jetzt als totaler Noob, aber ich hab noch nicht gesehen, dass die das Loch einfach so stopfen.

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Einen großartigen Blick auf die weite Landschaft haben wir von den Ruinen der Burg von Dwin aus. Die strategisch auf einem Felssporn gelegenen Mauerreste gehörten einst Saladins Großvater Jalaluddin und waren das Zentrum des Fürstentums von Soran. Heute wirken die Überreste sehr verlassen, weit und breit ist kaum ein Lebenszeichen zu sehen. Abgesehen von den Hunderttausend Schafen, die wir im Tal in der Nähe einer Schwefelquelle treffen. Die Schäfer wundern sich, warum die bescheuerten Touristen die Tiere filmen und fotografieren. Unser Guide lacht nur, sowas gibt’s bei uns in England/Österreich/Deutschland nicht. Das reicht dem Schäfer als Erklärung. Verkauft wird übrigens nach Gewicht: 8000 IQD/kg. Die Schafe natürlich, nicht der Schäfer.

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Dwin Castle

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Die Ohren!!! :smiley_grinsen:


Ein Stück weiter entlang der Hauptstraße finden wir etwas später die Burg von Khanzad. Khanzad war im 15. Jh. eine Prinzessin aus dem Emirat Soran, Schwester eines damals legendären Kurdenführers. Später regierte sie selbst sieben Jahre lang und wurde für ihre Intelligenz, Tapferkeit und Kühnheit gerühmt. Mehr als einen Blick von der Zitadelle bekommen wir aber nicht geboten, das Tor ist verschlossen.

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Weit ist es jetzt nicht mehr bis zur Hauptstadt Kurdistans: Erbil. Die Kurden nennen sie Hewlêr. Auch wenn man es überhaupt nicht erkennt, ist der kurdische Name wohl nur durch Lautverschiebungen aus Arbel entstanden.

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Im Vergleich zu Soran, sind wir im Erbil Quartz Hotel in einer anderen Welt. Es gibt sogar einen Dachpool. Und der Blick über die Dächer Erbils ist atemberaubend. Dennoch fällt auch hier der Strom regelmäßig aus. Viel unternehmen wir heute nicht mehr, alle sind etwas geschafft. Die Klimaanlage unseres Guides bis Mosul hat mich etwas verschnupft zurückgelassen, was ich dann gern geteilt habe. Für ein gutes Abendessen ist aber noch Zeit. Allerdings merkt man, dass man in der Hauptstadt ist - die Preise haben sich verfünffacht: 15 statt 3€ fürs Abendessen. Ich hatte Maqlooba. Reis, Fleisch und Gemüse werden geschichtet und dann auf einen Teller gestürzt.

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Erbil One Tower (oder kurz: E1). Das höchste Gebäude Kurdistans. Mit seinen 180m ragt er schon tagsüber prominent aus dem Häusermeer Erbils empor, doch nachts ist er noch einmal ein Schauspiel für sich.

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