Lauter alte Steine 2.0 - Westtürkei 2025

Montag, 27.10.2025
Klassischer Fall von Fehlplanung... Frühstück gibt's erst ab halb neun, da sind wir aber schon zur Tür raus. Dann gibt's eben ofenfrische Simit vom Bäcker und einen Cappuccino to go. Das Auto lassen wir erst einmal stehen und machen uns zu Fuß auf den Weg in den Hafen, denn heute geht's mit dem Schiff weiter. Sieben Kilometer vor Kaş liegt Kastellórizo, bzw. amtlich Megísti oder türkisch Meis, die östlichste bewohnte Insel Griechenlands.
Heute leben auf dem Eiland nur noch 400 Menschen, vor 100 Jahren waren es noch 20.000. Damals gehörte Kastellórizo allerdings noch zu Italien, dass die Dodekanes um Rhodos nach dem ersten Weltkrieg vom Osmanischen Reich übernommen hatte. Erst seit 1948 ist die Region wieder griechisch.


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Die Schlange an der Grenze schiebt sich nur langsam voran, aber als EU Bürger werden wir dann schnell durch gewunken. Der Ort Kastellórizo ist ja mal niedlich, ganz anders als die türkischen Orte nur ein paar Kilometer quer übers Wasser. Der Ortskern ist schön restauriert und komplett auf die Tagestouristen ausgerichtet. Der Kaffee ist der gleiche wie in der Türkei, heißt nur greek coffee statt turkish coffee und ist doppelt so teuer.

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Eine der Hauptsehenswürdigkeit der Insel ist die Blaue Grotte. Mit einem kleinen Boot düsen wir einmal um die halbe Insel und stehen plötzlich vor einer Klippe. Der Zugang zur Grotte ist nur ein flacher Spalt und wir müssen uns auf den Boden setzen, um durch zu kommen.
Die Stimmung drinnen ist magisch. Das Sonnenlicht dringt durch das Meerwasser in die Grotte und alles leuchtet blau. Hätten wir Badesachen dabei wären auch fünf Minuten schwimmen im Programm gewesen, aber das ist ja mehr Stress als genießen.
Die Grotte ist übrigens deutlich größer als die berühmte Blaue Grotte auf Capri.

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Hier auf der Insel ist ganz schön viel Militär unterwegs. Ja klar, ist ja auch EU-Außengrenze. Wir kommen auch gerade recht, um die Kompanie im Stechschritt ausrücken zu sehen. Die griechische Flagge wird zum Heldendenkmal gebracht. Morgen ist Nationalfeiertag, da wird überall geschmückt. Bei den Türken ist der übermorgen. Mit noch größeren Flaggen.

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Mittlerweile brennt die Sonne, es sind bestimmt 30°C. Da kommt ein kleines Mittagessen gerade Recht. Mit vollem Bauch steht es sich an der Grenzschlange auch leichter, denn die Fähre zurück nach Kaş wartet schon. Ein bisschen Weg haben wir heute noch vor uns.

Die Fahrt entlang der Küste ist wieder kurvig und schön, immer der Sonne entgegen. Und weil gerade so ein schönes Licht ist, entscheiden wir uns dafür, Xanthos doch nicht zu streichen, obwohl wir schon recht spät dran sind. Wir kommen gerade richtig zum Sonnenuntergang. Wir dürfen noch kurz ohne Ticket aufs Gelände, bevor die Kasse schließt.
Xanthos hatte es nicht leicht. In seiner über 3.300jährigen Geschichte wurde es mehrfach zerstört - von Athenern, Persern, Alexander dem Großen... Brutus, einer der Mörder Caesars (Καὶ σὺ τέκνον;, "auch du, mein Sohn", soll Caesar ungläubig gerufen haben), hat im römischen Bürgerkrieg in Xanthos Truppen ausgehoben, die restlos aufgerieben wurden. Daraufhin wurde Xanthos belagert und die Bevölkerung hat ihre eigene Stadt in Brand gesteckt.
Mit den Arabereinfällen wurde die Stadt schließlich im 8. Jh. aufgegeben.
Viel sehen wir in den fünf Minuten, die uns zugebilligt werden, nicht. Es gibt interessante Gräber, die auf Säulen stehen und Holzhäuser imitieren, sowie das sog. Harpyienmonument. Letzteres ist nur eine Kopie, das Original wurde ins British Museum verschleppt, genauso wie das Nereïdenmonument, ein monumentales Grabmal.
Was noch im Original steht, ist die Inschriftensäule, die auch mal ein Grab getragen hat. Auf der Säule stehen Texte in drei Sprachen: griechisch, lykische Normalsprache und lykische Dichtersprache.


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In Fethiye ist unsere Unterkunft direkt an der Marina. All zu viel zu sehen wir in der Dunkelheit nicht, aber zumindest erspähen wir ein Restaurant mit Terrasse. Zum Essen gibt's Kebab mit Pistazien und eine Lammpfanne.

Bevor es den Wein auf dem Balkon gibt, mache ich alleine noch einen Verdauungsspaziergang. Der Basar ist nicht so besonders... modern und auf Touristen ausgerichtet. Am anderen Ende geht es gleich in Wohnviertel den Hang hoch und da sieht man schon die Felsengräber, von denen insbesondere das des Amyntas hervorsticht. Es stammt aus dem Jahr 350 v. Chr. und gehört zur antiken Stadt Telmessos, an deren Stelle nun Fethiye steht.

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Dienstag, 28.10.2025

Beim Frühstückscroissant entscheiden wir, wie es heute weitergeht. Das Radarbild zeigt unschöne Feuchtigkeit von oben. Aber wir sind ja flexibel, ein paar Kilometer weiter gibt es auch tolle Steine. Und auch bei Amyntas schauen wir noch einmal schnell bei Tageslicht vorbei.

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Der Wetterbericht sieht nicht so rosig aus. Aber die Menge der interessanten Orte ist so groß, dass wir die Gewitterfront umfahren können. Das Dalyan-Delta mit Felsengräbern und Schildkrötenbrutplätzen ist dann halt ein andermal dran.
Stattdessen fahren wir auf die Datça Halbinsel. Eine weise Entscheidung, denn die Sonne fährt mit. Die Halbinsel ist ziemlich schmal und knapp 80 km lang. Die Fahrt über die engen Straßen ist schön und offenbart immer wieder neue Blicke auf Berge, Buchten und Esel.

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Ganz am Ende der Datça-Halbinsel erreichen wir Knidos. Der Antike Ort ist heute ziemlich abgelegen, war aber einst nicht ganz unbedeutend. Über 3.000 Jahre alt, war Knidos u.a. an der hellenischen Kolonisation Siziliens beteiligt und errichtete Bauten in Delphi und im ägyptischen Naukratis.
Der Architekt Sostratos stammt aus Knidos. Er hat den Leuchtturm von Alexandria errichtet, eines der sieben Weltwunder. Außerdem war Knidos bekannt für seine Ärzteschule. Die stand im Gegensatz zur Ärzteschule von Kos, vertreten durch Hippokratos, nicht für die Heilkraft der Natur, sondern für eine Ärztewissenschaft. Wir sehen etliche Säulenfragmente mit zwei verschlungenen Schlangen, dem Symbol für die Medizin.
Und natürlich ist die Lage der Stadt wieder traumhaft, auf einer Landbrücke zwischen zwei Hafenbecken. Einige Teile von Knidos werden restauriert, Säulenfragmente ergänzt, Fassaden ausgebessert. Man mag von dieser Art Rekonstruktion halten, was man mag aber es ist schon auch beeindruckend, wenn die Säulen, die sonst in ihrer jahrtausendealten Rauheit vor einem stehen, sich auch mal ganz glatt und neu anfühlen.
Auch wenn Knidos mehr als abseits des Weges liegt, gibt es doch erstaunlich gutes Essen Mittagessen hier. Das wissen auch die einheimischen, denn kurz bevor wir aufbrechen, trifft eine Hochzeitsgesellschaft ein. Und da Halbinseln es so an sich haben, dass irgendwo Schluss ist, müssen wir nun den ganzen Weg auch wieder zurück...


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Vor uns liegt nun Marmaris. Angeblich kommt der Name von einem Ausruf Sultan Süleymans des Prächtigen. Nach dem Sieg über Rhodos wollte er eine Burg errichten lassen, die so groß ist dass man sie von der Insel aus noch sehen kann. Als er das kleine Kastell sah, was ihm seine Architekten errichtet hatten, rief er: "Mimar as!" - hängt sie auf!

Das heutige Marmaris ist aber eine ziemlich moderne Stadt. 1958 wurde es von einem Erdbeben fast vollständig zerstört. Nur rund um das Kastell stehen einige wenige alte Bauten. Der Basar ist enttäuschend. Fake Uhren, Gucci Gürtel, Daunenjacken, Schuhe... Da brauche ich nicht einkaufen gehen.


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Mittwoch, 29.10.2025
Tschüss Marmaris. Frühstück haben wir diesmal nicht mit gebucht, es gibt unterwegs genug. Mal eben von der Hauptstraße abgebogen und da finden wir ein wunderbares kleines Lokal überm Fluss mit vielen Enten.

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Nach der ganzen Antikorgie der letzten Tage haben wir heute gar nicht so viel auf unserem Plan stehen. Wir müssen nur nach Bodrum. Da entscheiden wir uns gegen die Schnellstraße im Hinterland und kurven stattdessen an der Küste entlang. Herrliche Pinienwälder, kristallklares Wasser, kleine Buchten - und immer wieder ein neuer Ausblick. Im Prinzip fahren wir fast die gleiche Strecke wie gestern, nur etwas weiter nördlich. Am gegenüberliegenden Ufer zieht sich die Datça-Halbinsel entlang.
Natürlich gibt's auch wieder einen Kaffee am Wegesrand.
Dabei hören wir ein bisschen in die Odyssee rein. Nachdem wir den trojanischen Krieg ja schon durch haben, müssen wir Odysseus ja auch wieder nach Hause schicken. Eigentlich spannend, aber die Abenteuergeschichte, die man vielleicht so ein bisschen zu kennen glaubt, ist es eigentlich gar nicht. Es ist eine abgrundtief düstere Geschichte eines traumatisierten Kriegsheimkehrers, der sich nicht mehr zutraut, in sein altes Leben zurückzukehren. Nix mit: die Götter lassen ihn zehn Jahre durchs Mittelmeer irren. Von den zehn Jahren ist er mindestens sieben gar nicht unterwegs und sucht Ausflüchte, um nicht nach Hause zu müssen, bis er es irgendwann doch einmal schafft, sich seinen inneren Dämonen zu stellen.


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Dazwischen gibt's auch mal eine Badepause ... zumindest für die Füße. Das Wasser ist herrlich, der Strand ist steinig. Auf dem letzten Stück Richtung Bodrum stehen am Wegesrand alle paar dutzend Meter Kanister. Seltsam. Wir halten und schauen neugierig nach - das ist Löschwasser für Waldbrände. Na, ob das bisschen was nützt?

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In Bodrum steuern wir durch enge Gassen, die zu den Resten der antiken Vorgängerstadt führen: Halikarnassos. Uns interessieren aber insbesondere die Hinterlassenschaften des Königs Mausolos. Der regierte von 377-353 v. Chr. als persischer Satrap (Statthalter), verstand es aber so geschickt zu agieren, dass er nahezu souverän herrschte.
Der Nachtwelt hinterlassen hat er sein Grabmal, das in Pracht und Dimension so einzigartig gewesen sein muss, dass es zu einen der sieben Weltwunder erklärt wurde. Die Berühmtheit des Grabes war so groß, das sein Name Mausoleion, bzw. Mausoleum gleich zur Gattungsbezeichnung avancierte.
Das Mausoleum hat Mausolos mehr als 1000 Jahre überlebt, aber leider ist heute nicht viel mehr, als Teile der Fundamente erhalten. Ein Erdbeben im 12. Jh. hat es wohl schwer beschädigt, aber nicht zerstört. Diese Arbeit haben dann die Johanniter übernommen, um Baumaterial für ihre Festung in Bodrum zu gewinnen. Damit ist das Mausoleum von Halikarnassos mit Ausnahme der Pyramiden, das Weltwunder, das am längsten überlebt hat. Einige Friese und Statuen finden sich mittlerweile auch im British Museum.

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Unser Hotel liegt in einer Seitengasse recht ruhig. Nur mit Parkplätzen sieht es da eng aus. Halb so wild - wir laden ohnehin nur das Gepäck aus und müssen danach schon unser Auto wieder abgeben. Jetzt nur noch zu Fuß unterwegs, erkunden wir ein wenig Bodrum. Es ist zwar auch sehr touristisch, aber etwas stimmungsvoller als Marmaris.

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Heute ist Cumhuriyet Bayramı, der "Tag der Republik", der wichtigste Feiertag der Türkei. De facto war die Türkei zwar schon mit Etablierung der großen Nationalversammlung 1920 eine Republik, offiziell aufgerufen wurde sie aber erst am 29. Oktober 1923. Ein bisschen was zur republikanischen Geschichte habe ich ja schon bei meiner Anatolienreise 2024 geschrieben. Die Vorbereitungen für den heutigen Feiertag haben wir schon die ganze letzte Woche mitbekommen: überall patriotische Plakate, die türkische Flaggenindustrie muss Milliardengewinne eingefahren haben... Atatürk schaut von Fassaden und Wimpeln, in Anzug, Smoking und Uniform. Als wir beim Mausoleum waren, beginnen plötzlich öffentliche Lautsprecher eine Ansprache und Musik zu spielen. Im Hafen fährt später ein beflaggtes Boot und beschallt die Promenade.

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Donnerstag, 30.10.2025
Wieder mal zu zeitig aufstehen, um Frühstück auf der Terrasse zu bekommen. Auch den Taxifahrer müssen wir erst einmal in seinem Kabuff wecken. Aber die Fähre wartet halt nicht. Die Sicht in der Schnellfähre ist nicht die beste und an Deck darf man nicht. Aber nach nur knapp 30 Minuten sind wir schon wieder in Griechenland, genauer gesagt: auf Kos.
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Am Hafen warten schon die Hoteliers, um die Passagiere in ihre Etablissements zu entführen. Brauchen wir heute nicht. Wir nehmen nur das Angebot an, unser Gepäck unterzustellen. Die Dame vom Guesthouse ist ein Unikat. Die Stimmbänder haben schon viel Rauch im ihrem Leben gesehen.

Auch Kos hat einige alte Steine zu bieten. Das Areal der Agora ist jetzt aber nicht so beeindruckend, wie die Orte, die wir bisher gesehen haben. Allerdings steht am Rand eine Platane, die dort schon seit über 2.500 Jahren Schatten spendet. Genau genommen ist es wohl nur ein Ableger des Baumes, unter dem Hippokrates gelehrt hat. Der wurde nämlich um 460 v. Chr. auf Kos geboren. Hippokrates gilt als bedeutendster Arzt des Altertums und Begründer der modernen Medizin. Bekannt ist vor allem der Hippokratische Eid. Allerdings hat der Sittenkodex wohl nichts mit Hippokrates zu tun. Namentlich erwähnt wird er erst 400 Jahre nach ihm, wobei die Prinzipien wahrscheinlich schon vor Hippokrates befolgt wurden.
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Eigentlich hätten wir uns jetzt gern den Hop on Hop off Bus geschnappt, aber mit hüpfen ist nix... Wir warten umsonst am Kai. Dann eben doch ein Taxi.
Bei dieser Reise ist unerwartet viel Medizin dabei... Das Asklepieion in Pergamon mit Galenos, die Ärzte von Knidos, Hippokrates - und nun noch das Asklepieion von Kos. Die Anlage muss einst ziemlich weitläufig gewesen sein: Bäderanlagen, Tempel, Unterkünfte, unterirdische Räume, eine Medizinschule, sowie ein anatomisches und ein pathologisches Museum. Jetzt zeugen aber nur noch drei mächtige Terrassenanlagen von der Größe des Geländes.

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Zurück in Kos gibt's fix was zu Essen und dann entdecken wir noch ein paar Schätze. 1933 wurde Kos von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht, was fast die komplette Stadt zerstörte. Für Archäologen war das wiederum ein Glücksfall, denn so konnten umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt werden. Dabei wurde unter anderem die Casa Romana, eine römische Villa aus dem 2./3. Jh. freigelegt und wieder aufgebaut. Die Rekonstruktion gibt einen guten Einblick in den herrschaftlichen Haushalt: 36 Räume, zwei Höfe und ein Atrium. Auch tolle Mosaike sind erhalten.

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Unser Spaziergang führt uns weiter vorbei am Odeon und dem Gymnasion. Zwar stehen hier nicht so monumentale Ruinen wie in Ephesos, Pergamon oder Sardis, dafür sind die Böden besonders schön. Auf dem Gelände der westlichen Ausgrabungen sind einige tolle Mosaikböden erhalten, die u.a. den Raub der Europa zeigen (die ich zugegebenermaßen erst für einen dicken Dionysos auf einem Esel gehalten habe). Am Rande erhebt sich noch ein hoher Bau, der von außen recht unscheinbar ist. Ein Blick durchs Gitter offenbart aber einen schönen Säulenhof. Das ist nicht etwa ein Palast, sondern das Nymphaion, die öffentliche Latrine.

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Ein bisschen Zeit haben wir jetzt noch zu vertun... na dann nochmal Statuen gucken gehen. Im archäologischen Museum finden sich ein paar hübsche Exemplare, alle aus der Gegend. Das Gebäude selbst ist wie etliches in Kos zur Zeit der italienischen Besatzung errichtet worden, "gereinigt von orientalischen Einflüssen gemäß eines faschistischen Ideals".

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Die Markthalle gibt noch ein paar Souvenirs her, inklusive eines Kaffees. Aber als es langsam frisch wird, beschließen wir, unsere Koffer zu holen. Zum Glück haben die Restaurants Heizpilze. Und in Griechenland gibt es natürlich nicht nur Moussaka, Gyros und Souvlaki - ich entscheide mich für Kokkinisto, einen Schmortopf mit Tomaten und Kräutern.

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Und das war auch schon unser kurzer Zwischenstopp auf Kos. Nach dem Abendessen geht's zu Fuß in den Hafen, wo wir zeitgleich mit unserer Fähre eintreffen. Die Blue Star 2 kenne ich schon, mit der bin ich 2002 von Ancona (IT) nach Igoumenitsa (GR) gefahren, auf dem Weg in den Iran. Damals war es allerdings eine Deckspassage, heute reisen wir mit Kabine.

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Wir fahren allerdings nicht direkt nach Piräus. Die Ägäis ist voller kleiner Inseln, die alle angelaufen werden wollen... Kalymnos, Leros und Patmos bekomme ich noch mit, bevor es mich ins Bett zieht. Bei letzterem gibt es einen wundervollen blutroten Monduntergang. Die Schiffsmotoren zittern leider zu sehr, dass ich Stativ und Kamera gar nicht erst auspacken brauche und mit Handyzoom vorlieb nehmen muss.
Mitten in der Nacht werde ich bei Syros noch einmal kurz wach, aber ansonsten ist die Überfahrt ereignislos.

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Freitag, 31.10.2025
Pünktliche Ankunft in Piräus nach einer ruhigen Überfahrt. Alle vier Zwischenstopps habe ich zufällig mitbekommen, aber ansonsten gut geschlafen. Athen sieht man beim Einlaufen schon in der Ferne, allerdings hängt noch eine Dunstglocke über der Stadt. Den ursprünglichen Plan, mit der Metro zu fahren geben wir zu Gunsten eines Taxis auf. Das bringt uns dann direkt ins Athener Zentrum, allerdings erst einmal zur Gepäckaufbewahrung, denn für einen Check in ist es noch zu früh.
Bevor es aber richtig los geht, müssen wir uns erst einmal stärken. Kein Problem: wo auch nur ein Quadratzentimeter Platz ist stellt der Athener Stühle auf und trinkt Kaffee. Und griechischer Joghurt mit Honig und Nüssen ist einfach göttlich.

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In Athen war ich schon 1990, vor 35 Jahren einmal, meine erste Westreise - als DDR-Bürger gestartet, als Bundesbürger heimgekehrt. Aber Erinnerung daran habe ich kaum. Ich bin gespannt, ob da heute noch ein bisschen hoch kommen wird. Hadrianstor und Olimpieon, der Tempel des Olympischen Zeus, wecken noch keine Erinnerungen. Am Olimpieon wurde ca. vom 5. Jh. vor bis zum 2. Jh. n. Chr. gebaut. Es war einer der größten Tempel Griechenlands.

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Die Akropolis habe ich noch im Kopf. Allerdings weiß ich nicht, ob das echte Erinnerung ist oder Erinnerung an Fotos. Zumindest war sie damals wohl nicht nicht ganz so voll. Aber wir haben auch mal wieder die beste Zeit abgepasst, die Gerüste der Archäologen am Parthenon sind das erste Mal seit knapp 50 Jahren abgebaut worden. Allerdings nur für knapp einen Monat, um die alten gegen neue Gerüste auszutauschen.
Der Burgberg ist das Wahrzeichen Athens schlechthin. Laut Theodor Heuss ist die Akropolis neben Golgatha und dem Kapitol einer der Hügel, auf denen das Abendland gründet. Besiedelt ist sie schon seit über 3.400 Jahren. Vor 2.500 Jahren ließ Perikles die Anlage neu gestalten, so wie wir sie heute kennen. Leider ist die berühmte Athene-Statue des Phidias verloren gegangen. Athene ist die Schutzgöttin Athens. Sie lieferte sich mit Poseidon einen Wettstreit, wer die Gunst der Athener erringen könnte. Poseidons Geschenk waren Pferde, Athene bot den Olivenbaum an. Die Athener entschieden sich für den Baum. Noch immer steht ein (neuer) Olivenbaum auf dem Hügel.
Prominentester Bau ist der Parthenon Tempel, der zu Ehren Athenes errichtet wurde. Eine Ruine ist er erst seit Ende des 17. Jh., als er von venezianischen Belagerern bombardiert wurde. Das prachtvolle Parthenon-Fries und zahlreiche Skulpturen wurden im 19. Jh. ins British Museum verschleppt.

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Die Böden auf der Akropolis sind extrem glatt, das Laufen strengt an und man muss aufpassen, nicht vom Areopag abzustürzen. Zumindest wäre das ein Fall mit schöner Aussicht... Dafür gibt's am Fuße des Burgbergs ein nettes Kaffee.

Frisch gestärkt geht's auf die Agora. Der Marktplatz wurde für Volksversammlungen genutzt und bildet den Gegenpart zum kultischen und politischen Machtzentrum der Akropolis. Tempel gibt's hier trotzdem, noch dazu einen der am besten erhaltenen überhaupt. Das Hephaisteion ist Hephaistos, dem Gott der Schmiedekunst geweiht. Über den Rest der Agora schlendere ich alleine, meine Reisebegleitung kennt Athen auch schon fast auswendig.
Nachdem der Stoa des Attalos treffen wir uns wieder.

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Eine Stoa ist eine halboffene Säulenhalle, die Schutz vor Wind und Wetter bieten sollte und manchmal Läden und Schreibstuben beherbergte. Die Stoa des Attalos aus dem 2. Jh. v. Chr. hat man wieder aufgebaut und als Museum eingerichtet. Sie beherbergt wunderbare Töpferwaren, Büsten mit eindeutiger Geschlechtszuweisung und einen ganzen Haufen beschrifteter Scherben. Die stammen vom Ostrakismos, dem Scherbengericht. Missliebige Bürger konnten mir Hilfe des Scherbengerichtes für 10 Jahre aus der Stadt verbannt werden. Dafür mussten mindestens 6.000 der stimmberechtigten Bürger Athens ihre Stimme abgeben, den in eine Tonscherbe geritzten Namen desjenigen, den sie verbannt sehen wollten. 15 Scherbengerichte in Athen sind bekannt, zwischen 488-415 v. Chr.

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Nach der römischen Eroberung Athens verlor die alte Agora an Bedeutung und eine neue wurde errichtet. Ganz in der Nähe befindet sich der Turm der Winde, achteckig mit Reliefs, die die Windrichtungen repräsentieren. Früher gab es noch eine Wetterfahne - Triton statt Hahn - sowie Sonnen- und Wasseruhren. Daher auch der alternative Name Horologion des Andronikos.
Der Turm wurde zum Vorbild für viele Architekten, angefangen bei Vitruv bis weit ins 19. Jh. hinein. Der Stadtgrundriss von Karlsruhe beruht auf den Radialen des Turmes.

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Gleich holen wir unser Gepäck ab, aber vorher statten wir noch einem kleinen Kirchlein einen Besuch ab, das ganz im Schatten der orthodoxen Kathedrale steht.
Die kleine Kirche aus dem 12. Jh. war einst die Privatkapelle des Metropoliten und später die erste Nationalbibliothek Griechenlands. Interessant macht sie aber vor allem, dass bei ihrem Bau zahlreiche antike Reliefplatten wieder verwendet wurden. Lange Zeit waren sie unter einer bemalten Stuckschicht verborgen.

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Diesmal haben wir ein Airbnb... Und was für eins - drei Etagen, drei Balkone, allerbester Akropolisblick. Eigentlich schade, dass wir nur eine Nacht bleiben. Und jetzt hab ich tatsächlich Eulen nach Athen getragen 😁

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Was man in Athen gesehen haben muss, ist das Syntagma Ballett, der Wachwechsel der Evzonen, der ehemaligen königlichen Garde, am Grabmal des unbekannten Soldaten am Syntagma Platz. In historischen Uniformen mit Bommeln an den nagelbeschlagenen Schuhen stolzieren die Soldaten wie ein Vogel beim Balzritual auf und ab. Sicherlich ist es eine große Ehre, dies tun zu dürfen, aber für den Zuschauer ist das doch sehr archaisch.

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Eigentlich meldet sich so langsam der Hunger, aber wenn wir schon einmal davor stehen, können wir auch rein schauen - in die Kathedrale Mariä Verkündigung. Errichtet wurde sie 1842-62, nachdem sich die griechische Kirche vom Patriarchat in Konstantinopel losgesagt hatte. Nach der griechischen Revolution 1830 war das ein starkes Zeichen, die wiedergewonnene Unabhängigkeit zu unterstreichen. Zum ersten König gewählt wurde übrigens Otto von Bayern.
Und da es nun unser letzter Abend ist, bevor mal wieder eine spannende Reise endet, feiern wir mit guter griechischer Küche: Moussaka, Halloumi, Kleftiko...

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Meine Reisebegleitung geht schon mal den Wein kalt stellen und ich drehe noch eine letzte Runde durch die nächtliche Plaka, einem der ältesten Stadtteile Athens. Tavernen drängeln sich neben Souvenirkitsch.

Der Spaziergang führt mich schließlich wieder zum Hadrianstor, wo der Tag heute begann. Ganz in der Nähe schau ich noch kurz beim Zappeion vorbei, benannt nach Evangelos Zappas, der sein Vermögen stiftete, um die Olympien zu organisieren, die Vorläufer der Olympischen Spiele der Neuzeit im 19. Jh.
Das Zappeion sollte ein geeigneter Austragungsort hierfür werden. Der Multifunktionsbau wurde aber auch schon als Lazarett, Ausstellungsort und Kaserne genutzt. Heute findet im Park des Zappeions eine Honigmesse statt.

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Auf dem Heimweg entdecke ich noch die Kirche der heiligen Kraft aus dem 16. Jh., winzig klein und mit der Jungfrau als Schutzpatronin der schwangeren Frauen. Früher soll hier ein Herakles Tempel gestanden haben. Vielleicht kommt daher die Kraft? Die braucht das Kirchlein aber auch, muss es doch ein ganzes Hochhaus stemmen.

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Samstag, 01.11.2025

Die letzten sind noch nicht im Bett, da müssen wir schon wieder aufstehen. Viel munterer als die Halloweengeister sehen wir aber auch nicht aus, als wir mit der Metro zum Flughafen fahren.

Die Warteschlange beim Aegean Check-in ist ewig lang, ich stehe knapp eine halbe Stunde. Meine österreichische Begleitung ist bei Ryanair in 5 Minuten durch. Der Abschied ist dann kurz und schmerzlos. Schön war's das machen wir mal wieder ☺️

Direkt fliegen werde ich nicht, es wird einen Zwischenstopp in der Schweiz geben. Die Direktflugtickets sind unverschämt teuer, vor allem, wenn ich mit den Flügen meiner Begleitung vergleiche (sowohl hin als auch zurück. Von Berlin habe ich das 3-4 fache gezahlt im Vergleich zu Wien. Auch wenn die Strecke länger ist, wurmt mich das doch sehr)

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Und dann sowas: Das hatte ich auch noch nicht, alle Flüge auf einem Ticket gebucht, aber das Gepäck wird nicht durch gecheckt. Zum Glück kam es mir komisch vor, dass auf der Quittung nicht BER stand. Dann muss ich halt noch ein Schließfach finden, wenn ich nicht schleppen will...
Mit der Bahn geht's dann rein ins Züricher Zentrum.

Die Schweiz ist auf meiner persönlichen Karte auch noch ein relativ weißer Fleck. Zürich hinterlässt aber auf alle Fälle schon einmal einen guten Eindruck. An den Fassaden entdeckt man auch immer wieder bekannte Namen. Goethe war natürlich hier, Gottfried Keller und nicht zu vergessen: Lenin. Der verbrachte 1916-17 sein Exil in der Spiegelgasse, bevor er mit deutscher Hilfe nach der Februarrevolution in einem verplombten Eisenbahnwaggon nach Russland reiste.


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Einen Zwischenstopp mache ich am Grossmünster - ja, schweizerisch ohne ß. Dafür mit zwei Türmen, von denen ich einen besteige. Von der Pfarrei Grossmünster betrieb Ulrich Zwingli die Reformation in der Schweiz. Die Kirche selbst ist innen protestantisch kahl, hat allerdings ein paar schöne modern gestaltete Fenster. Und in der Krypta sitzt Karl der Große, der das Grossmünster angeblich gegründet haben soll, nachdem er bei der Jagd zufällig die Gräber der Stadtheiligen Felix und Regula entdeckt hat. Während der Reformation sind die Überreste der beiden Märtyrer verloren gegangen.

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Da sich meine Zeit in Zürich in Grenzen hält, geht's links der Limmat schon wieder Richtung Bahnhof und schließlich zum zurück zum Flughafen. Dort schau ich mir das beste an, was die Schweiz zu bieten hat: Schokolade, Taschenmesser und Luxusuhren. Sogar eine Jodelband singt in der Abflughalle. Nur den Käse habe ich vermisst.

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Und nun komme ich schon wieder in Berlin an. Es ist wie immer... Die Berliner brauchen mal wieder ewig, bis sie das Gepäck ausgeladen haben. Der Zug ist natürlich weg. Und in Potsdam wird's nicht besser, die Tramlinien sind unterbrochen. Erst mal schauen, wie ich mit dem Bus nach Hause komme.

Aber schließlich erreiche ich doch noch im Nieselregen meine Türschwelle.

Es war mal wieder eine sehr spannende Reise in die Geschichte. Das nächste mal Türkei wird dann wahrscheinlich eher die Schwarzmeerküste werden oder Zentralanatolien runter zur Küste. Das ist allerdings eine Geschichte für ein andermal.

Im Vergleich zu Anatolien letztes Jahr, ist die Türkei hier im Westen ein deutlich anderes Land. Man unterschätzt ihre Größe. Flensburg nach Friedrichshafen ist nur halb soweit wie von Izmir nach Van. Und schon allein auf den 2.500km entlang der Westküste gibt es so unglaublich viel zu sehen, Namen, die man mal schon einmal gehört hat, aber vielleicht keine richtige Vorstellung davon hatte, so viel Geschichte und Geschichten... Und dabei haben wir schon so viele Stellen ausgelassen, weil da die Zeit einfach nicht gereicht hat.

Ich danke jedenfalls wieder fürs Mitkommen und bin schon gespannt, was das nächste Ziel wird na gut, das nächste weiß ich schon... die Spannung bleibt beim Übernächsten...

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Herzlichen Dank für diesen wieder mal sehr interessanten Reisebericht mit den vielen gelungenen Fotos und den aussagefähigen geschichtlichen Hintergrundinformationen. Es ist beeindrucken, mit wie viel Fachwissen du deine Reiseberichte auffüllst und uns damit in vollen Zügen an den Erlebnissen teilnehmen lässt.

Dein Bericht erinnert mich an eine meiner vielen Reisen, die ich selber schon sehr früh im gesamten Mittelmeerraum durchführen konnte. Bereits 1968 war ich im Alter von 15 Jahren an vielen Stätten, die du in diesem Bericht beschrieben hast. Du hast mich dazu gebracht, meine alten zwischenzeitlich digitalisierten Fotos von damals wieder rauszusuchen. Manche deiner besuchten Stätten konnte ich dort auch wiederfinden, so die Kalkterrassen von Pammukale und die Ausgrabungen in Ephesus, Hierapolis, Didyma, Pergamon, Selcuk und Milet. Auch habe ich damals bei stürmischer See eine Überfahrt nach Samos gemacht. Ich hänge mal ein paar eigene fast 60 Jahre alten Bilder an - sorry für die Qualität.

Nochmals danke - ich freue mich schon jetzt auf deinen nächsten Reisebericht!

1968-08 043 Kalkterrassen Pamukkale.webp 1968-08 050 Theater Hierapolis.webp 1968-08 052 Didi Theater Hierapolis.webp 1968-08 054 Didi Kaiserloge Hierapolis.webp 1968-08 073 Didi in Selcuk.webp 1968-08 126 Didi in Priene.webp 1968-08 127 Trümmer in Priene.webp 1968-08 134 Säulen in Didyma.webp 1968-08 151 Volksfest in Kusadasi.webp
 
Das muss damals doch noch eine ganz andere Welt gewesen sein. Ich finde es faszinierend, deine Bilder mit dem zu vergleichen, was ich gesehen habe. Gerade der Unterschied in Priene ist Wahnsinn, das ist jetzt alles überwachsen.

Ich liebe ja auch historische Reiseberichte. Aus dem Bücherschrank der Großeltern ist mir jetzt ein Doppelband in die Hände gefallen, auf dessen Lektüre ich mich schon freue...

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