Eine Münze aus der Zeit der napoleonischen Kriege und eine Operation auf See

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Diese Münze, die kürzlich in meine Sammlung kam, ist gewissermaßen „die Münze zum Buch“. Als ich sie sah, musste ich sofort an den Roman „The Far Side of the World“ von Patrick O. Brian denken.

O‘ Brian ist wahrscheinlich der „berühmteste unbekannte“ Autor, wie eine Zeitung es einmal ausdrückte. Zwischen 1970 und seinem Tod im Jahr 2000 schrieb er neben einer Reihe anderer Werke seine Serie von 20 Romanen über Nelsons Royal Navy während der Kriege gegen Napoleon. Die Romanreihe muss vor dem Hintergrund von C.S. Foresters Hornblower gesehen werden. Foresters Hornblower-Romane schildern den Kampf Englands gegen Napoleon. Als sie um 1940 herauskamen, vermittelten sie eine tiefere Botschaft, als möglicherweise beabsichtigt war. Wiederum stand England allein im Kampf gegen einen Tyrannen vom Kontinent, und jeder Sieg, den Hornblower errang, konnte als Ansporn gewertet werden, den Glauben daran nicht zu verlieren, dass die Gefahr auch diesmal überwunden würde.

Während es bei C.S. Bei Forester hauptsächlich um Kampf und Action geht und viefach der Eindruck vermittelt wird, die Marine habe nur einen fähigen Offizier, geht O'Brian tiefer. Seine historischen Romane sollen den Marinealltag und den Zeitgeist in den Jahren zwischen 1800, dem Beginn der Serie, und den Jahren nach dem Sturz Napoleons vermitteln, als Europa nach drei Jahrzehnten Revolution, Krieg und wirtschaftlicher Unruhe zu einer neuen Ordnung fand. Auf diese Weise sind die Bücher auch ein Porträt der letzten Zeit, bevor die Dampfmaschine die Welt endgültig veränderte. Nur wenige Jahre später verewigt William Turner die letzte Reise der HMS Temeraire. Das einst stolze Segelschiff, das in der Schlacht von Trafalgar im Jahr 1805 eine entscheidende Rolle spielte, wurde nun von einem Dampfer zum Abwracken geschleppt. Eine neue Ära brach an und die Vorherrschaft der Segel war gebrochen.

Die Hauptfiguren von O`Brians Roman, der Marineoffizier Jack Aubrey und sein Freund und Schiffsarzt Stephen Maturin sind beide vielschichtig angelegte Persönlichkeiten, die einander bei allen Gegensetzen gut ausfüllen. O Brian gelingt mit der Komposition dieses Duos ein Kunstgriff. Durch den in allen Dingen des Lebens zur See unbeschlagenen Maturin , lassen sich viele Aspekte des Dienstalltages in der Marine elegant erklären und in die natürliche Handlung einflechten. Doch auch wenn Maturin oft ungelenk und an Bord eines Schiffes fehl am Platze erscheint, hat er Qualitäten, die ihn über seine Funktion hinaus zum richtigen Mann an der richtigen Stelle machen. Er hat in Paris wärend der Revolutionsjahre Medizin studiert, ist brennend an naturwissenschaftlichen Fragen interessiert und ist ein begnadeter Fechter und Pistolenschütze . Seine Herkunft macht ihn noch interessanter. Maturin ist irisch- katalonischer Abstammung. Sein Name lässt sich sowohl englisch als auch spanisch aussprechen. Als Katholik hätte er eigentlich keinen Offiziersrang in der Royal Navy bekleiden können, doch kommt ihm zu Gute, dass er neben der medizinischen Profession noch eine zweite besitzt; als Geheimagent des Secret Service hat er die Aufgabe, die seit seinen Pariser Tagen auch sein innerstes Anliegen ist , Bonapartes Agentennetz zu untergraben und dessen Herrschaft zu beenden.

Jack Aubrey seinerseits, dessen Charakter mit Thomas Cochrane einen wirklich existierenden Kapitän aus Nelsons Tagen zum Vorbild hat, ist nicht nur der Prototyp des typischen Seeoffiziers, der sich von Kindesbeinen an in der Marine nach oben gearbeitet hat, er ist auch ein begeisterter Schwimmer und besitzt ein ernsthaftes Interesse an Mathematik und Astronomie. So hat er sich auf seinem Anwesen, von dem aus er mit dem Fernglas die Reede von Spithead anvisieren kann, ein Observatorium gebaut . Die Linsen für das Teleskop hat er selbst geschliffen. Leider hält Aubreys Sinn fürs Ökonomische nicht ganz Tritt mit seinen sonstigen Fähigkeiten. Auf seinem Grundstück liegen die Schlackenhalden einer römischen Bleimine, und Aubrey ist in die Falle eines Scharlatans geraten, der ihm eingebildet hat, mit einer neuen Methode sei es möglich, das in dieser Schlacke enthaltene Silber zu gewinnen. Reichtum sei in Sicht, es fehle nur noch das nötige Risikokapital. Alles totsicher, ein Graf aus Siebenbürgen habe ebenfalls sein Interesse angemeldet, doch selbstverständlich gebühre einem so noblen Herrn wie Jack Aubrey der Vortritt. Natürlich stellt sich der Profit nicht über Nacht ein, daher verdunkelt sich Aubreys Gesicht oft, wenn er Post von zu Hause erhält.

Der Roman „Am anderen Ende der Welt“ diente auch als (stark veränderte) Vorlage für den Film „Master & Commander – Am anderen Ende der Welt“ aus dem Jahr 2003, in dem Aubrey vom australischen Schauspieler Russel Crowe dargestellt wurde.

Die Szene, die mir in den Sinn kommt, wenn ich mir dieses 3-Schilling-Stück anschaue, spielt im Film während einer Schlacht. Im Buch hingegen ist es ein Sturm, der den Schädel des Seemanns Joe Plaice mit einem Holzblock zertrümmert. Eine Trepanation ist das einzige Heilmittel, das ihn vor dem sicheren Tod bewahren kann:

„Die Besatzung der Surprise war, wie die meisten Seeleute, ein hypochondrischer Haufen mit einem Gespür für das Makabre, und sie liebten chirurgische Eingriffe ebenso wie Preise.“ Aber während die Amputation eines Arms oder Beins eines Schiffskameraden Nachteile mit sich brachte, die ihnen völlig bewusst waren, hatte die Trepanation keine Nachteile: Der Patient musste nur überleben, um in demselben Zustand wie zuvor zurückzukehren – so gut wie neu und mit einem ehrenvollen Silberschild und einer Anekdote dazu Folge ihm und seinen Freunden bis zum Grab.

Es war eine Operation, die Dr. Maturin schon mehrmals auf See durchgeführt hatte, immer im bestmöglichen Licht und daher an Deck, und viele von ihnen hatten ihn dabei beobachten können. Jetzt konnten sie und alle ihre Kameraden es noch einmal sehen; Sie sahen, wie Joe Plaices Kopfhaut abgehoben, der Schädel freigelegt und eine runde Knochenplatte hörbar herausgesägt wurde, als sich der Griff ernst drehte; ein Dreischillingstück, vom Büchsenmacher zu einer flachen Wölbung gehämmert und über dem Loch festgeschraubt; und der Skalp zurückgelegt, vom Priester sauber angenäht.

Es war äußerst zufriedenstellend – der Kapitän war blass geworden, ebenso Barret Bonden, der Cousin des Patienten –, während das Blut Joes den Hals hinunterlief – das Gehirn offen und für alle sichtbar – etwas, das man auf der ganzen Welt nicht verpassen sollte – zudem lehrreich – und sie kosteten den Anblick in vollen Zügen aus “(1)

Im Buch ist es ein 3-Shilling-Banktoken, im Film, der die Handlung von 1812 nach 1805 verlegt, ein 5-Schilling-Bankdollar oder ein spanisches „ Piece of Eight“, mit dem Maturin Plaices Schädel verschließt. Diese Änderung ist numismatisch korrekt. Der Bankdollar war eine übergeprägte spanische oder spanisch-amerikanische 8-Real-Münze. Sie wurde von 1804 bis 1811 hergestellt, immer mit der Jahreszahl 1804. Zusätzlich wurden ausländische Münzen mit einem kleinen Porträt von Georg III. gegengestempelt. „Der Kopf eines Narren auf dem Hals eines Esels“, hieß es im Volksmund. Die meisten der gegengestempelten Münzen waren spanischer Herkunft, und das Bild des verrückten Hannoveraners auf dem Porträt eines der verhassten Bourbonen forderte dies förmlich heraus. Diese spanischen Dollar dominieren das Vorkommen der Gegenstempelungen bei weitem, aber es sind auch US- amerikanische Liberty-Bust-Dollar mit Gegenstempel bekannt. Solche Dollarmünzen mit dem Kopf Georgs III auf dem Hals der Liberty sind äußerst selten, die Münzgeschichte der Vereinigten Staaten begann mit sehr kleinen Auflagen. Erst 1811 kamen die Notmünzen zu 18 Pence und 3 Schilling heraus, mit denen die Bank of England versuchte, dem Münzmangel zu begegnen. Im Jahr 1805 existierten sie noch nicht.

Der Grund sowohl für die Notmünzen als auch für die Gegenstempelung und Überprägung ausländischer Münzen war, dass England zu Napoleons Zeiten immer noch unter Newtons fehlerhafter Berechnung des Wertverhältnisses zwischen Silber und Gold litt. Die Folge war, dass englische Silbermünzen im Ausland mit Gewinn eingeschmolzen wurden. In England selbst waren neben Papiergeld und den Goldguineen nur noch völlig abgenutzte Silbermünzen im Umlauf. Außerdem prägte der Staat viel zu wenig Kupfer. Kleinmünzen brachten zu wenig Gewinn. Ihre Herstellung galt zudem als der Krone unwürdig. Unter Georg III. wurden zwischen 1776 und 1797 keine kupfernen Farthings und Halfpennies geprägt; die Nominale ab dem Penny aufwärts waren bereits aus Silber. Eine Folge des Mangels an Kupfermünzen war ein großes Vorkommen an privaten Token. Schon damals wurden einige Ausgaben nur als Sammlerstücke geprägt. Diese Kupfertoken sind heute ein schönes Sammelgebiet, besonders für den Sammler, der Münzen mit maritimen Motiven mag. Viele der Token-Münzen wurden in Matthew Boltens privater Soho Mint geprägt. Bolten war der erste, der dampfbetriebene Prägemaschinen einsetzte, so dass die Münzmünzen neben den riesigen „Cartwhellpennies“ von 1797 die weltweit modernsten Münzen ihrer Zeit waren.

Im Jahr 1816 wurde die englische Währung reformiert. Die neuen Silbermünzen waren nun unterwertige Scheidemünzen und mit dem Goldsoverain zu 20 Schilling, der die ehrwürdige Guinea zu 21 Schilling ersetzte, wurde Gold zum offiziellen Wertmesser. Für die neue Hauptmünze wurde auch ein neues Motiv gewählt. Pistruzzis St. Georg erscheint nun zum ersten Mal. Mit einigen Änderungen ist er auch heute noch auf dem Soverain zu sehen.

Geld wird bei O Brian regelmäßig genannt. Sehr oft ist von der Guinea die Rede, sei es in Beuteln, Rollen oder als „ ein Strom von Gold“. Aber die Guinea tritt auch einzeln auf: Wie jeder neu ernannte Kapitän muss Aubrey seine Ernennung feiern, indem er den hochnäsigen Schildwachen vor der Admiralität eine Goldmünze als Trinkgeld gibt ,und auch die Zündlöcher der neuen Kanonen, die er den widerwilligen Magazinverwaltern mit viel List aus den Rippen leiert, müssen mit Gold bedeckt sein, um sich nicht gegen das Schiff zu wenden. Das ist keine Korruption, das ist Tradition. Erwähnt werden auch Drei- und Vier-Pence-Münzen, Sixpence und Schilling, bengalische Rupien, goldene Pagodas, Dublonen und spanische Piaster. Ein 5-Schilling mit dem Bild des Königs an einer violetten Schleife wird mit Aubrey in den Pazifik geschickt, um eine Südseekönigin den Offerten Brittanias gewogen zu machen. Ein Monarch kann einen anderen Monarchen nicht mit Glasperlen abspeisen. Darüber hinaus erscheinen Maria-Theresien-Taler sowie eine geheimnisvolle alte Münze aus der Levante, die nicht näher beschrieben wurde. Eine Münze der Kreuzfahrer vielleicht oder gar eine Münze aus der Antike? Einige Quellen erwähnen, dass römische Bronzemünzen im 18. Jahrhundert (2) und möglicherweise auch zu Napoleons Zeiten (3) in Frankreich umgelaufen sein sollen. Warum nicht auch anderswo? Wie diese Münze aussieht, verrät O‘Brian nicht, hier kann also der Fantasie freien Lauf gelassen werden, genau wie bei einem alten schottischen Groat, den ein Betrüger Aubrey und Maturin in Spanien andreht. Auch „eine Handvoll Kleingeld aus aller Herren Länder“, die Maturin aus seinen schmutzigen Rocktaschen hervorholt, lässt Interpretationsspielraum. Erwähnt wird lediglich, dass er 12 Pennies aussortiert.

Erstellt man eine Liste dieser Münzen, entsteht ein buntes Panorama des Geldes um 1800.

Eine neue Sammelidee vielleicht ? Meine Drei-Schilling-Münze ist zumindest ein guter Anfang für eine solche Sammlung. Mal sehen, wohin die Reise geht.



Verwendete Literatur :

1. O'Brian, Patrick « The far side of the world “

2. Kühn, Herbert: Geschichte der Vorgeschichtsforschung, S. 552, De Gruyter, Berlin/New York, 1976

3. Galéazzi, M: D'une république à l'autre, Numismatique et change 179, Dezember 1988, S. 28
 

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