Das Rätsel der anonymen Folles der Klasse A2

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Monarchische Herrscher haben zu fast allen Zeiten Wert darauf gelegt, dass auf den Münzen, die in ihrem Auftrag geprägt wurden, ihr Name und/oder Bildnis erscheint. Ob nun zur politischen Machtdemonstration, zur Befriedigung persönlicher Eitelkeit oder weil alle anderen es ja auch so machten, sei dahingestellt. Ausnahmen von dieser Regel gibt es allerdings schon; eine dieser Ausnahmen sind die anonymen Bronzemünzen (Folles), die im byzantinischen Reich von 969-1092 ausgegeben wurden. Im Zeitraum von 969 bis mindestens 1055 wurden Bronzemünzen sogar ausschließlich anonym geprägt; unter den Herrschern danach liefen bis 1092 anonyme neben namentlich gekennzeichneten Exemplaren um. Alle diese Münzen bilden auf der Vorderseite Jesus Christus in unterschiedlichen Darstellungen ab, auf den Rückseiten findet sich meist eine religiöse Formel, ausgeschrieben oder abgekürzt: Jesus Christus, König der Könige; teilweise tritt auch Maria oder ein Symbol auf.

Numismatisch am interessantesten sind die dabei die Folles der Klasse A2: Während die Typen A1 und B bis K nahezu keine Varianten aufweisen, gibt es beim Typ A2 allein 60 Varianten, die im maßgeblichen Verzeichnis der Dumbarton Oaks Collection aufgelistet sind; mir persönlich sind in den letzten Jahren allerdings schon drei weitere Varianten untergekommen, die dort nicht genannt werden. Da zudem sehr viele dieser Münzen präge- oder umlaufbedingt in einem Zustand sind, in dem sich die Variante gar nicht sicher bestimmen lässt, ist die Gesamtzahl der möglichen Varianten nach oben theoretisch sehr offen...

Die Vielzahl der Varianten lässt keinen anderen Schluss zu, als diese anonymen Münzen demjenigen Herrscher zuzuordnen, der während des besagten Zeitraums die mit weitem Abstand längste Regierungszeit hatte: Basileios II. (976-1025); meist wird angenommen, dass auch sein Bruder und Nachfolger Konstantin VIII. (1025-1028) den Typ A2 noch weiterprägen ließ. Damit wäre ein Zeitraum von rund 52 Jahren abgedeckt, was die Vermutung nahelegt, dass sich die Vielzahl der Varianten vor allem durch einen jahrgangsweisen Wechsel des Motivs erklären lassen könnte, wozu dann aber immer noch ein paar zusätzliche Prägungen anlässslich besonderer Ereignisse, Jubiläen etc. kommen müssten. Diese Erklärung funktioniert natürlich nur, wenn man davon ausgeht, dass diese Münzen a) alle aus derselben Prägestätte (Konstantinopel) stammen und es daneben keine weiteren Prägestätten gab, und b) dass alle Varianten auch offizielle Ausgaben und nicht irgendwelche Beischläge sind.
Auch müsste man annehmen, dass die Prägezahlen der einzelnen Jahrgänge sehr unterschiedlich waren, denn während einige Varianten in fast jeder passenden Auktion auftauchen, sind viele andere mir überhaupt noch nie begegnet.

Zur Veranschaulichung hier zunächst einmal als "Ausgangsmünze" ein Follis der Klasse A1, geprägt unter Johannes I. (969-976):

16.3 Johannes I. A1 Av.webp 16.3 Johannes I. A1 Rv.webp
Diese Münze zeigt zwei Punkte in den Kreuzesarmen des Nimbus, ein Muster auf dem Evangeliar in Christi Händen ist nicht erkennbar, es gibt keinerlei Ornamente o.ä. unter oder über der Schrift auf der Rückseite, Gewicht: 5,71g.

Leider lässt sich in der Gestaltung der Varianten der nachfolgenden Typus A2 nun auch kein logisches System erkennen, nach dem bspw. die Münzen mit nur einem Punkt im Kreuznimbus älter sein müssten als die mit zwei, drei oder fünf Punkten (und warum gibt es eigentlich keine Exemplare mit vier Punkten?). Stattdessen scheint die reine Willkür vorzuherrschen, nach der entweder auf Order des Kaisers oder nach Gutdünken der Stempelschneider die Gestaltung von Vorder- und Rückseiten mit Punkten, Strichen, Buchstaben und Ornamenten geschehen ist. Hier zunächst mal eine häufige Variante in selten guter Erhaltung: A2 39 (5 Punkte im Kreuznimbus, zwei auf dem Evangeliar, "florales" Ornament auf der Rückseite, 13,37g.
48. A2 39 av.webp48. A2 39 rv.webp

Und hier ein ebenfalls häufiges Stück in der typischen Erhaltung für den Typus: A2 47 (Quadrate im Nimbus und auf der Rückseite, fünf Punkte auf dem Evangeliar, 12,75g):
59. A2 47 av.webp59. A2 47 rv.webp

Dann noch eine etwas seltener zu findende Variante: A2 26 mit zwei Punkten im Nimbus, einem Punkt im Kreis auf dem Evangeliar und vier Punkten zwischen zwei dickeren Punkten auf dem Revers, 13g.
35. A2 26 av.webp35. A2 26 rv.webp

Neben der optischen Getaltung der Münzen ist außerdem noch die große Spannweite beim Gewicht rätselhaft: In der Regel 10-20g schwer, gibt es auch sehr leichte Stücke ab ca. 5g und ebenso vereinzelte Exemplare über 20g, die damit zu den schwersten byzantinischen Münzen überhaupt gehören (nur einige Folles aus der Zeit Justinians 500 Jahre früher sind tlw. noch schwerer). Nun mag Kupfer ja im Einkauf recht günstig gewesen sein, die Schwankungen bezeugen dennoch einen seltsam sorglosen Umgang mit dem Material...
Sehr leicht: A2 1a mit 6,23g
2. A2 1a av.webp2. A2 1a rv.webp

Und mit 21,31 g sehr schwer: A2 6
8. A2 6 av.webp8. A2 6 rv.webp

Vielleicht bin ich schlauer, wenn ich erst einmal sämtliche Varianten in meiner Sammlung vor mir liegen sehe; bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, den ich zu meinen Lebzeiten jedenfalls nicht vollenden werde, auch wenn ich inzwischen fast die Hälfte der Varianten gefunden habe. Vorschläge zur Lösung des Rätsels von Seiten Dritter nehme ich daher übrigens gerne entgegen...
 
Zuletzt bearbeitet:
Ein sehr informativer und interessanter Beitrag über ein mir leider nicht leicht zugängliches Sammelgebiet - danke sehr dafür!

Mögen deine Variantensammlung und deine Erkenntnisse darüber schnell weiter wachsen. Ich freue mich auf eine Fortsetzung deiner Berichte darüber.
 
Vielen Dank für den Beitrag, ein sehr spannendes Thema!

@numisfreund Ich bin auch Anfänger in dem Sammelgebiet, mir hat diese Auflistung sehr geholfen: anonymous folles

@theoupolites Wie gesagt, ich bin leider Anfänger... aber meine spontanen Ideen:

1.) Könnten ein paar der Varianten Fälschungen sein? Das würde für mich teilweise eine kleinere Auflage erklären, sowie die größere Anzahl an Varianten und zumindest auch die Untergewichtigen.

2.) Es erinnert mich ein bisschen an die 12 Heller Münze aus Aachen, von der es auch extrem viele Stempel gab: Münzen aus Aachen - Prägungen von Münzen, Notmünzen und Medaillen der Reichsmünzstätte Aachen bis zu den städtischen Prägungen der Neuzeit - 12 Heller
Wahrscheinlich ein Fass ohne Boden, aber wie sieht es denn aus mit Stempelkopplungen? Wenn z.B. zwei verschiedene Aversstempel mit dem gleichen Reversstempel benutzt wurden, deutet das ja einen zeitlichen Zusammenhang an.

3.) Oder vielleicht der Ansatz, dass man bei den seltenen Varianten gucken könnte, ob es Stücke gibt, die einen abgenutzten Stempel andeuten. Das würde dann ja dafür sprechen, dass die Variante mal häufig war, aber aus welchen Gründen auch immer vielleicht größtenteils eingeschmolzen/überprägt/verschollen ist.

Vielleicht hilft das ein bisschen bei der Antwort...

Viel Erfolg auf jeden Fall weiterhin mit deiner Sammlung!
 
@coin-cidence: Danke für deine ausführliche Reaktion! Die verlinkte Übersicht ist sehr brauchbar; die Tabelle ist diejenige,
auf die ich mich auch immer beziehe.
Zum Thema "Fälschungen": Ja, soll es geben, mir ist aber noch kein Exemplar untergekommen, bei dem ich eine Fälschung vermuten musste. Das Gewicht ist da wenig hilfreich, da die Spanne hier wirklich sehr groß ist. Eher wird versucht, die leichteren Exemplare einer Klasse A3 zuzuordnen, die zum Ende des Prägezeitraums hergestellt wurde. Mich überzeugt das nicht; auch DOC glaubt nicht an die Existenz von A3.
Zum Thema "Stempelkopplungen": Ja, das wäre ein guter Ansatz, um Ordnung in den ganzen Wirrwarr zu bringen. Dazu müsste man aber eine wirklich große Zahl möglichst gut ausgeprägter Stücke miteinander vergleichen können. Im Rahmen meiner kleinen Privatsammlung ist da wenig zu machen und Profi-Numismatiker scheinen kaum Interesse an diesem Thema zu haben - ist ja auch nur Kupfer-Kleingeld-Massenware! Immerhin hat man sich wenigstens mit dem Thema "Überprägungen" befasst - erst dadurch konnten ja die Typen von A1 bis K wenigstens chronologisch sortiert werden. Überprägungen von A2 durch eine andere Variante von A2 sind mir dagegen bisher nicht bekannt, wären wohl auch unnötig gewesen: Derselbe Kaiser, dieselbe Gültigkeit. Über eventuelle Stempel-Abnutzungen ließe sich beim Erhaltungszustand der meisten Exemplare außerdem auch nur raten...
Trotzdem: Ich bleibe dran am Thema!
 
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