Moldau

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Schon wieder Herbstferien... also mache ich mich wie gehabt auf den Weg zum BER, wo ich einen traumhaften Sonnenaufgang beobachte und mich dann in die Lüfte erhebe. Dummerweise ist mein Sitz kaputt. An der Armlehne fehlt ein Stück. Aber eigentlich ist das sogar ganz gut, denn so werde ich doch glatt in die Businessclass umgesetzt. Da beschwere ich mich nicht.

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Am Flughafen in Chișinău klappt die Einreise fix und unkompliziert. Das hätte auch anders kommen können. 2012 war ich schon einmal in Moldau, allerdings nur im Transit zur Krim. Damals sind wir über Transnistrien in die Ukraine ausgereist. Transnistrien ist eine nicht anerkannte Separatistenrepublik (später dazu mehr). Und weil es nicht anerkannt wird, gab es damals auch keinen Ausreisestempel aus Moldau, als wir dort rein gefahren sind. Rein offiziell bin ich also damals nie aus Moldau ausgereist. Aber selbst wenn das jetzt noch irgendwo in den Akten stände, das hat diesmal keinen bei der Einreise interessiert.

Unbehelligt hole ich mir fix meinen Mietwagen ab und los geht die Tour. Die Straßen hatte ich von damals noch als ziemlich grottig in Erinnerung. Das hat sich aber mittlerweile deutlich gebessert - zumindest auf den Hauptstraßen. Das wird sich später noch ein wenig ändern, wo die Sanierung noch nicht so weit fortgeschritten ist.
Allerdings ist die Fahrweise... "interessant".
Gegenverkehr? Egal... Überholen klappt schon - und das in beide Richtungen gleichzeitig. Aber bei all dem scheinbaren Chaos fährt man doch erstaunlich gesittet. Zebrastreifen werden sklavisch respektiert. Ich hätte die Straßen ohne zu gucken überqueren können. Gleichzeitig haben Fußgänger an roten Ampeln gewartet, auch wenn meilenweit kein Fahrzeug zu sehen war.

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Bei der Fahrt überland fallen mir immer wieder die aufwändig gestalteten Orts- und Rajonschilder auf.

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Am ersten Tag ist es eine ziemliche Fahrerei. Das Land ist zwar nicht groß, aber die Sehenswürdigkeiten sind ziemlich verstreut. Es geht in den Norden nach Soroca. Hier schaue ich mir die Burg aus dem 16. Jh. an, die aus einem genuesischen Handelsposten hervor ging. Wer hätte gedacht, dass die auch hier waren. Das besondere ist die kreisrunde Form - High Tech der damaligen Burgenbaukunst. Die Spitzen Türme sind allerdings eine moderne Interpretation. Auf dem 20-Lei-Schein ist die Burg ohne Dächer.

Gleich am anderen Ufer des Dnister liegt die Ukraine scheinbar friedlich.
Dnister stammt aus der Sprache der Skythen. Der Fluss ist hier allerdings auch unter seinem griechischen Namen Tyra bekannt. So erklärt sich dann auch der Name von Tiraspol, der Hauptstadt der moldauischen Separatistenrepublik Transnistrien.

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Anschließend erklimme ich den Dealul Țiganilor. Der "Zigeunerhügel" ist eine ganz besondere Sehenswürdigkeit Sorocas. Die Stadt gilt als Hauptstadt der Roma Moldaus. Im wilden Stilmix thronen viele unfertige Villen über der Stadt, goldene Kuppeln und funkelnde Ornamente. Woher das Geld kommt, ist nicht immer ganz klar. Der selbsterklärte König der Zigeuner, Mircea Cerari, war Millionär.

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Es ist zwar schon relativ spät, aber ich entscheide mich doch dazu, noch ein Stück weiter nach Norden zu fahren. Ich muss ja meinem Ruf gerecht werden und Denkmäler anschauen, die irgendwo in der Walachei stehen ...
Bewacht von einem Rudel Straßenhunde gedenkt nahe dem Dörfchen Rudi eine Säule dem Struve-Bogen. Georg Friedrich Wilhelm Struve, ein Deutschbalte, hat mit einem gigantischen Netz aus geodätischen Vermessungspunkten im 19. Jh. die Erdabplattung an den Polen bewiesen und vermessen. Der Struve-Bogen zieht sich über mehr als 2.800km von Hammerfest in Norwegen bis zum Schwarzen Meer in der Ukraine. Es gibt verteilt über Europa noch mehrere dieser Denkmäler. Der Struvebogen ist mittlerweile auch Weltkulturerbe und war eine Zeitlang das transnationale Kulturerbe mit Beteiligung der meisten Staaten. Mittlerweile wurde es von den Buchenurwäldern Europas an der Spitze der Liste abgelöst.

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Jetzt war ich allerdings so weit im Norden, dass ich es nicht mehr rechtzeitig vor Küchenschluss zurück in mein Hotel geschafft habe. Aber mir wird ein Lokal empfohlen, das länger auf hat. Schmeckt auch... Allerdings muss ich sagen, dass mich bei dieser Reise die Küche nicht vom Hocker gehauen hat. Es war nicht schlecht, aber auch nicht herausragend. Der Mundschenk versteht da sein Geschäft schon besser, schließlich bin ich hier auch im Land des Weines. Natürlich bleibt mir da auch gar nichts anderes übrig, als auf einem Weingut zu übernachten. Zum Zimmer gibt's im Château Vartely in Orhei auch gleich eine Flasche als Betthupferl dazu.

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Moldau gehört wahrscheinlich zu den Ländern, wo einem auf Anhieb keine Sehenswürdigkeiten einfallen. Tja, das sind hauptsächlich Kirchen, Kirchen und Kirchen. Dementsprechend umweht mich heute den ganzen Tag ein dicker Weihrauchdunst. Moldau ist ein zutiefst religiöses Land, das hat sich auch während der Sowjetzeit nicht geändert, auch wenn es natürlich intensive Bestrebungen der Säkularisierung gab.

In den Ortschaften und auch außerhalb findet man unzählige Kreuze. Oftmals Betonguss aus der selben Form. Ich denke, da wurde nach der Unabhängigkeit en masse produziert, um den Mangel an Religion wieder aufzuholen.

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Damals wurden allerdings auch die meisten Klöster des Landes geschlossen und umgewidmet. Meine erste Haltestelle, Kloster Curchi, war lange Zeit ein psychiatrisches Krankenhaus.
Interessant fand ich, dass bei den meisten Klöstern, die ich besucht habe saisonale Kirchen vorhanden waren, eine Sommerkirche und eine Winterkirche. Das hat etwas mit der Beheizbarkeit des Kirchenraumes zu tun. Mir war bisher noch nicht bekannt, dass es so eine Trennung gibt.

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Curchi - Sommerkirche

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Curchi - Winterkirche

In vielen Klöstern kann man auch als Reisender übernachten. Aber der Komfort einer Zelle hält sich in Grenzen und die Weckzeit zur Morgenmesse ist auch gewöhnungsbedürftig. Ich bleib lieber beim Weingut.

Bei meiner Fahrt übers Land kreucht und fleucht es rechts und links. Moldau ist stark landwirtschaftlich geprägt. Laut einer weltweiten Studie der University of Leeds vom Februar 2018 ist die Republik Moldau der einzige Staat Europas, dessen Entwicklung sich innerhalb der ökologischen Belastungsgrenzen vollzieht.

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Aber ich bin nicht nur hier zum Natur anschauen, sondern möchte auch noch ein bisschen Geschichte. Die gibt es in Orheiul Vechi. Das "alte Orhei" ist die bedeutendste Sehenswürdigkeit Moldaus. Aber so vielversprechend das klingt, darf man nicht vergessen, dass der Tourismus hier im Land noch in den Kinderschuhen steckt. Dementsprechend bescheiden fällt die Infrastruktur aus.

Das Tal, durch das sich der Răut schlängelt, ist schon seit der Steinzeit besiedelt. Die engen Mäander des Flusses bilden wunderbar zu verteidigende Höhenzüge, was schon die Geten, Daker, Römer und Goten zu schätzen wussten. Aus dieser Zeit ist allerdings nichts mehr erhalten. Im 13. Jh. drang schließlich die Goldene Horde nach Europa vor und ließ sich auch hier nieder. Die gut erhaltenen Grundmauern mit Hypokaustum des Tataren-Bades stehen noch. Für die Karawanserei und Moschee muss man allerdings seine Phantasie bemühen.

Ich mache außerdem einen Spaziergang über den Hügel zur Marienkirche. Spannender ist jedoch das Höhlenkloster, in dem ein alter Mönch seine Kerzen verkauft. Ein altes Bauernhaus und der Rückweg durchs Dorf runden den Spaziergang ab.

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Auch das Kloster Saharna wurde zu Sowjetzeiten in eine psychiatrische Klinik umgewandelt. Da muss ja ein großer Bedarf bestanden haben... Heute leben aber wieder 20 Personen hier - einige waren fleißig bei der Gartenarbeit.
Ich schaue in drei der Kirchen hinein, schnuppere Weihrauch, höre orthodoxen Gesang aus dem Lautsprecher und erschrecke mich vor Gebeinen.
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Gleich gegenüber auf der anderen Seite des Dnisters liegt Moldau... Oder doch nicht?
Anfang der 1990er Jahre erlangte Moldau seine Unabhängigkeit und orientierte sich mehr nach Westen Richtung Rumänien. Die östlichen Landesteile, jenseits des Dnisters, sind hingegen eher russisch geprägt und haben sich nun ihrerseits von Moldau los gesagt. Anerkannt und am Leben gehalten wird Transnistrien nur von Russland. Es gilt auch als letztes Überbleibsel der Sowjetunion - regiert allerdings von mafiösen Oligarchen.

Ich spare mir aber einen Abstecher über die Grenze. Mit dem Mietwagen kann ich eh nicht und für einen Ausflug zu Fuß hab ich nicht genug Zeit. Außerdem war ich vor 12 Jahren ja schon einmal in Transnistrien.

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Das letzte Kloster für heute ist Țipova. Eigentlich ganz in der Nähe von Saharna, muss ich trotzdem einen großen Bogen fahren. Von der Klosterkirche aus steige ich steile Stufen Richtung Dnister hinab, denn die Eremiten haben sich ziemlich unzugängliche Höhlen hergerichtet. Das war auch eine Vorsichtsmaßnahme während der Tatarenzeit. Die ältesten Höhlen stammen aus dem 11. Jh. und sind wohl die ältesten im Moldau.

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Abendessen gibt's heute bei den Doi Haiduci, den "zwei Wegelagerern". Der Borschtsch ist gut das Kaninchen okay und der Wein lenkt wenigstens die Fruchtfliegen ab.


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Oh weh, heute kommt der Super-GAU einer Reise. Nein, keine Panne, Krankheit oder Verspätung - der Fotoapparat geht kaputt! Die Objektivmechanik ist defekt. Es hat sich zugegebenermaßen schon angekündigt. Schon im Sommer hat es ein paar Mal hakelig ein und ausgefahren. Ich bin nur froh, dass es jetzt bei diesem kleinen Ausflug passiert und nicht erst bei der nächsten "großen" Reise. Für den Rest muss nun halt das Smartphone herhalten. Die Bilder sind ja nicht schlecht, aber ich vermisse den Zoom.

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Jetzt verlasse ich aber erst einmal mein Weingut. Ich bin etwas in Zeitverzug, Frühstück wird im Hotel erst ab 09.00 serviert. Wahrscheinlich muss man wohl Zeit zum ausnüchtern einplanen. Da wird es dann leider nichts mit meinem ursprünglichen Plan, entweder eine Tour durch die Weinkeller von Cricova zu machen, wo die Weinsammlung von Hermann Göring und aber Prominenz lagert oder durch die Kavernen von Mileștii Mici, dem größten Weinkeller der Welt. Von 250 km Stollen werden ca. 50km zur Weinlagerung genutzt. Na vielleicht erübrige in ich morgen noch etwas Zeit, ansonsten muss ich wieder kommen.

Dafür schaue ich mir eines der ältesten Klöster Moldaus an. Der älteste Teil ist leider abgesperrt, aber auch der russische Neubau aus dem 20. Jh. ist ein Fest für die Augen. Die Maler konnten sich hier austoben.

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Man merkt, das Moldau ein Agrarstaat ist. Die Gegend ist außerordentlich fruchtbar und wenn nicht gerade Wald ist, fahre ich an unzähligen Feldern und Plantagen vorbei: Mais, Getreide, Obstbäume und Wein.
Man beachte das Straßenschild: Bei gewissen Temperaturen darf man nicht zu schwer sein.

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Man beachte das Straßenschild: Bei gewissen Temperaturen darf man nicht zu schwer sein.

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Bei der Fahrt durchs Land fallen mir überall Brunnen auf. Die Wasserversorgung, vor allem auf dem Land, ist schlecht. 70% der Landbevölkerung verfügen über keinen eigenen Wasseranschluss. So idyllisch das im ersten Moment mit den schönen Brunnen sein mag, so dramatisch ist die Lage für die Bevölkerung.

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Wer hätte gedacht, das Moldau so extrem hügelig ist - hoch, runter, hoch, runter. Als es mal wieder hoch geht, finde ich in Hîncești das Schloss von Manuc Bey, einem in Bulgarien gebürtigen armenischen Händler, Diplomaten und Gastwirt aus dem Osmanischen Reich. Er galt im 19. Jh. als reichster Mann auf dem Balkan. Zwischenzeitlich sollte er sogar den moldauischen Thron besteigen, wurde aber durch osmanische Intrigen gehindert und entkam nur knapp seiner Hinrichtung.
Später eröffnete er in Bukarest eine Karawanserei, in der er 1812 die Verhandlungen im russisch-türkischen Krieg 1812. Nach dem bewegten Leben ließ er sich in Chișinău nieder, starb aber noch vor der Fertigstellung seines Schlosses bei einem Sturz vom Pferd. Andere Quellen sagen, er wurde von den Türken vergiftet. Würde mich auch nicht wundern...

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Meine Fahrt führt mich heute immer weiter in den Süden. Moldau hat nicht nur mit Transnistrien ein Separatistenproblem. Auch die Gagausen wollten Anfang der 1990er gern unabhängig werden. Der Konflikt konnte aber gewaltfrei beigelegt werden und Gagausien erhielt Autonomiestatus innerhalb Moldaus.
Die Gagausen sind ein Turkvolk, das vermutlich aus dem Altei in Mittelasien stammt. Während der Sowjetunion wurden sie rücksichtslos stalinisiert und teils deportiert. Ein starker Nationalismus entwickelte sich wie in Moldau in den 1980er Jahren. Gagausien pflegt enge Beziehungen zur Türkei. Allerdings hat auch der Kreml seine Finger mit in der hiesigen Politik. Die aktuelle Gouverneurin wird wohl vom russischen Regime aufgebaut, das neben Transnistrien einen weiteren Unruheherd in der Region schaffen will. Außerdem gilt die Regierungschefin als Statthalterin eines Oligarchen, der wegen Diebstahls von fast einer Milliarde Euro aus drei Banken in Moldau zu 15 Jahren Haft verurteilt worden ist.
Die ganze Politik lass ich aber links liegen und fahre nur ein bisschen über die Dörfer. Die Landschaft hat sich ziemlich gewandelt. Die Wälder des Nordens sind verschwunden und eher einer Steppenlandschaft und viel Landwirtschaft gewichen. Beschriftet ist meist dreisprachig.

Ich mache einen kleinen Abstecher nach Comrat, die Hauptstadt Gagausiens. Mit 26.000 Einwohnern aber nicht gerade eine Metropole.
Am Rande gibt's einen jüdischen Friedhof und im Zentrum geht Lenin vor der Kirche spazieren.

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Im Kaukasus hab ich schon ein paar deutsche Auswandererkolonien besucht. Auch Moldau war Ziel der Siedler, die vornehmlich aus dem Süddeutschen Raum und den deutschen Gebieten in Polen kamen. Sie ließen sich in Bessarabien nieder, was so ziemlich dem heutigen Moldau entspricht, inklusive der Schwarzmeerküste, die heute ukrainisch ist. Bessarabien hat aber nichts mit den Arabern zu tun, sondern geht auf den walachischen Fürsten Basarab I. zurück.
Ende 1940 wurden nahezu alle Bessarabiendeutsche "heim ins Reich" geholt. Die Familie von Bundespräsident Horst Köhler war übrigens eine von ihnen.

Allein von der Architektur her wäre mir nicht aufgefallen, das hier deutsche Siedler gelebt haben. Das war im Kaukasus eindeutiger zu erkennen. Nur die Kirche in Albota de Sus unterscheidet sich deutlich von der hier sonst üblichen Bauweise.

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Leider geht mir mal wieder die Zeit aus, sonst wäre ich noch noch nach Giurgiulești gefahren, die Absolute Südspitze des Landes und zudem der einzige Zugang zur Donau und damit zum schwarzen Meer. Aber wahrscheinlich hätte ich eh nichts gesehen, da auf dem winzigen 500m breiten Stück nur nicht zugängliche Hafenanlagen sind.
Stattdessen fahre ich wieder nach Norden bis Chișinău. Das Hotel Edem muss allerdings erstmal gefunden werden. Die Straßen machen - insbesondere für eine Hauptstadt - keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Aber ich bin positiv überrascht. Das Hotel ist nett und Violetta, die Gastgeberin ist herzlich.

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Kurz das Gepäck abgeladen und dann mache ich mich auf den Weg ins Zentrum. Es ist alles ganz gut fußläufig erreichbar. Insbesondere La Plăcinte, mein Lokal für heute Abend. Es ist eine Kette für rumänische Spezialitäten, vergleichbar vielleicht mit Vapiano. Es ging flott und war richtig lecker.

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Danach mache ich noch einen Verdauungsspaziergang, bevor ich irgendwann in die Kissen sinke. Eine Schönheit ist Chișinău nicht. Bis auf ein bisschen stalinistischen Zuckerbäckerstil im Zentrum herrscht sozialistischer Brutalismus vor. Immerhin gibt's viel Grün.
Die Stadt musste aber auch leiden. Was die Kämpfe im zweiten Weltkrieg übrig gelassen haben, legte ein Erdbeben im November 1940 in Schutt und Asche.

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Auf den Besuch der Weingüter verzichte ich nun doch, das wäre zu viel Gehetze. Dafür nutze ich das Auto, so lange ich es noch habe, für die weiter in Chișinău verstreuten Sehenswürdigkeiten.
Eine davon ist der Staatszirkus aus glorreichen Sowjettagen. Zwischenzeitlich stand er leer, aber mittlerweile gibt es wieder Vorstellungen.
Bilder gibt's nur im Vorbeifahren. Der Verkehr in Chișinău ist gewöhnungsbedürftig und Parkplätze sind Mangelware. Die Fahrt zeigt auch noch einmal die "schönen Seiten" von Chișinău.

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(der Zirkus ist oben links)

Die Fahrt führt mich dann weiter zum jüdischen Friedhof. Heute gibt es nur noch ca. 25.000 Juden in Moldawien, aber noch zu Zarenzeiten war Chișinău das Zentrum des jüdischen Lebens in Russland. Mit über 45% Bevölkerungsanteil waren die Juden die größte Gemeinschaft in der Stadt. Trotzdem kam es in Russischen Reich auch immer wieder zu Pogromen. Insbesondere die Pogrome von Kischinjow (wie die Stadt früher hieß) 1903 und 1905 empörten die Weltöffentlichkeit und lenkten die Aufmerksamkeit auf die Situation der russischen Juden.
Theodor Hertzl entwarf sein Uganda-Programm, das vorsah, Britisch-Ostafrika zur neuen Heimstatt des jüdischen Volkes zu machen, die Zionisten erhielten regen Zulauf und die zweite Alija begann, die jüdische Einwanderungswelle nach Palästina.
Auch kulturell wurden die Pogrome aufgearbeitet, u.a. Tolstoi und Maxim Gorki schrieben darüber, aber auch Scholem Alejchem, der uns später auch mit "Tewje, dem Milchmann" beglückte, besser bekannt als Musical Anatevka.

Aber Chișinău verlor nicht seine gesamte jüdische Bevölkerung. Auf dem ziemlich zugewucherten Friedhof finden sich Gräber über das ganze 20. Jh. hinweg.

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Keine sowjetische Hauptstadt ohne Ehrenmal. Das Monument "Eternitate" symbolisiert zusammengestellte Gewehre und gedenkt der Operation Jassy-Kischinew 1944, bei der die deutschen Truppen aufgerieben wurden und Bessarabien und Teile Rumäniens (wo in diesem Zusammenhang auch noch ein Staatsstreich stattfand), von den Sowjetischen Truppen überrannt wurden.

Das Gelände ist gut gepflegt aber leer. Auch vom angeblich stündlich stattfindenden Wachwechsel an der ewigen Flamme habe ich nichts mitbekommen. Die Sowjetgeschichte rückt halt auch immer weiter in die Ferne. Das zeigt sich auch ganz in der Nähe schön am Denkmal für die "Kämpfer, die die Sowjetmacht errichtet haben". Letztes Jahr muss die Inschrift noch intakt gewesen sein.

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Auf dem Weg zum Flughafen biege ich noch einmal kurz ab zum kleinen Museumsdorf. Es gibt nicht viel zu sehen und die Kirche ist leider verschlossen, aber es ist herrlich ruhig und friedlich.


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Auto abgegeben, alles gut. Mit dem Bus geht's nun zurück ins Zentrum. Es fährt eine Kassiererin mit. Moldau hat eine ziemlich niedrige Arbeitslosenquote. Allerdings herrscht Unterbeschäftigung vor und die Löhne sind niedrig. Während der Fahrt habe ich noch einmal einen guten Blick auf die schönen Fassaden Chișinăus.

Chișinău hat aber nicht nur Beton, sondern auch viel Grün. Beim Spaziergang durch Park und Zentrum finde ich den kleinen Prinzen, stolpere über zahlreiche EU-Flaggen und auch auch das Opernprogramm der Hauptstadt kann sich sehen lassen.

Am 20.10. war Präsidentschaftswahl, gekoppelt mit einem Referendum, ob der EU-Beitritt als Ziel in der Verfassung verankert werden soll. Die aktuelle Präsidentin muss allerdings noch einmal in die Stichwahl und das Referendum ist denkbar knapp (50,4%) pro EU ausgefallen.
Bemerkenswert fand ich, das nirgends im Land irgendwelche Wahlwerbung zu sehen war, keine Plakate, Fahnen, Flyer... nichts. Eine Recherche im Nachhinein ergab, dass ab einige Tage vor dem Wahltermin ein Verbot für Wahlwerbung besteht.

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Auch wenn Chișinău jetzt nicht so riesig ist, bin ich trotzdem noch auf meine knapp 12 km Fußmarsch gekommen. Es geht noch einmal quer durchs Zentrum, wie schon gestern Abend, vorbei an Triumphbogen und rein in die Kathedrale der Geburt des Herrn.

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Mein eigentliches Ziel war aber die Piaţa Centrală, der Zentralmarkt. Märkte im Urlaub sind immer wieder toll. Hier kommt auch schon ein bisschen Basarfeeling auf. Da finde ich auch gleich ein Glas Honig für mich.
Gleichzeitig führt einem der Markt aber auch noch einmal vor Augen, wie Arm man hier auch ist. Mir fallen immer wieder alte Mütterchen auf, die augenscheinlich den Inhalt ihres Kleiderschrankes verkaufen oder abends um 10 noch in einer verlassenen Straße sitzen und warten, dass jemand ihnen noch den letzten kleinen Blumenstrauß abkauft.

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Auch wenn noch ziemlich früh am Tag ist, schau ich nun noch einmal im La Plăcinte vorbei, um mich zu stärken. Heute Abend werde ich keine Gelegenheit haben, mir ein Restaurant zu suchen. Danach geht es noch fix Souvenirs shoppen. Auch wenn ich nicht im Weinkeller war, werden die Zollfreimengen ausgereizt. Und schließlich zum Abschluss meines moldauischen Abenteuers schaue ich in noch eine Kirche rein, das blaue Ciuflea Kloster.

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Und damit verabschiede ich mich von Chișinău. Weiter geht es mit dem Prietenia ("Freundschaft"). Der Nachtzug verbindet Chișinău mit Bukarest. Es ist die reinste Zeitreise. Es sind noch sowjetische Waggons mit Samowar und gruseligen Wagenübergängen. Ein wenig modernisiert wurden sie allerdings. Es gibt WiFi - zumindest in der Theorie, denn der Stecker vom Router steckt nicht in der Dose...

Während der Fahrt fühle ich mich wie auf einem Schiff, so sehr wackelt es.
In meinem Waggon wurde übrigens das Video zum moldauischen ESC-Beitrag von 2022 gefilmt. Ein klares Bekenntnis dafür, dass sich Moldau nach Westen orientiert und nicht nach Russland. "Hey ho! Let’s go! [...] Pleacă trenul! Unde esti? Chisinău – București!"

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Nach meinen anatolischen Erfahrungen diesen Sommer hatte ich niedrige Erwartungen an die Fahrplantreue, aber wir erreichen die Grenze auf die Minute pünktlich. Ich bin beeindruckt.
Jetzt werden erst einmal die Pässe eingesammelt und danach geht's in die Werkstatt. Ich bekomme neue Räder. Moldau hat russische Breitspur und Rumänien Normalspur. Das hab ich bis jetzt erst einmal erlebt, 1990. Allerdings kann ich mich daran nicht mehr erinnern. Das ganze funktionier ziemlich flott und effizient. In den Abteilen am Waggonende werden durch den Fußboden hindurch irgendwelche Verbindungen gelöst und dann wird der ganze Waggon per Aufzug angehoben. Die alten Drehgestelle werden weggefahren und neue untergeschoben. Das wird pro Waggon vielleicht 20 Minuten gedauert haben. Zeitaufwändiger war nur das hin und her rangieren.

Nachdem ich schließlich die Brücke über den Grenzfluss Pruth überquert habe, die nebenbei bemerkt von Gustave Eiffel erbaut wurde, hab ich mir mein Bett zurecht gemacht.


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Die Nacht war ziemlich erholsam. Ich habe von der Grenze bis kurz vor Bukarest geschlafen. Mit nur 15 Minuten Verspätung erreiche ich kurz vor sieben den Gara de Nord.


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So früh ist allerdings weder die Zeit zum Einchecken, noch gibt es schon Frühstück im Hotel. Also mache ich schon einmal einen Spaziergang durch das Zentrum der rumänischen Hauptstadt.
Passend zum Sonnenaufgang bin ich am Parlamentspalast, dem ehemaligen Haus des Volkes, oder wie Spötter sagten "Haus des Sieges über das Volk" - aber nur ganz leise, denn die Securitate hatte damals große Ohren.
In den 1980er Jahren ließ der rumänische Präsident und Diktator Nicolae Ceaușescu große Teile Bukarest umgestalten. Ein Großteil der Altstadt wurde abgerissen, inklusive dutzender Kirchen, Synagogen und architektonisch bedeutsamer Paläste, um den Boulevard des Sieges des Sozialismus anzulegen. Der führte direkt auf das Haus des Volkes zu, das eigentlich nur eine monströse Metapher maßloser Tyrannei ist. Es ist eines der größten Verwaltungsgebäude der Welt.
700 Architekten haben an 5.100 Räumen gearbeitet. Es gibt 200 Toiletten und 31 Aufzüge. Mittlerweile hat man die Beleuchtung auf Energiesparlampen umgestellt, da 2008 die Stromrechnung 1,7 Mio. Euro betrug.

Aber aus den Superlativen hat man nicht gelernt. Kaum ist der Sozialismus Geschichte, wird das nächste Mammutprojekt in Angriff genommen. Gleich hinter dem Parlamentspalast entsteht die Nationalkathedrale der Erlösung des rumänischen Volkes. Die soll mit 127m die höchste orthodoxe Kirche der Welt werden, die größte freischwingende Glocke bekommen, die größte Ikonostase und die weltgrößte Mosaiksammlung erhalten.



Bukarest gilt eigentlich als das Paris des Ostens. Bei der Stadtgestaltung hatte man sich ursprünglich das Paris von Haussmann unter Napoleon III. zum Vorbild genommen. Dazu kommt viel Nationalromantik und wuchtige rumänische Formen, Pseudorokoko und ein bisschen Art Deco. Dazwischen steht ganz viel grauer Sozialismus. Der ganze wilde Stilmix ist mit Werbung, Plakaten und Bannern zugekleistert. Die Stadt ist dreckig und schlecht in Schuss, viele Fassaden sind entweder abgehangen oder bröckeln vor sich her. Es ist schade, es könnte eine schöne Stadt sein. (Zugegebenermaßen: die Bilder zeigen die schönen Seiten)
Da spielt auch das Erdbeben von 1977 eine Rolle, eines der stärksten in Europa bisher. Die nachfolgenden Schäden nutze Ceaușescu auch, um Bukarest weiter zu einer sozialistischen Stadt umzubauen.
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Es gibt aber auch viel Armut. Auch 30 Jahre nach dem Kommunismus hat sich das Land noch nicht richtig erholt. Ich sehe auch sehr viele Bettler. Und bei meiner Ankunft habe ich auch etliche Obdachlose in den Parks schlafen gesehen.

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Auf meinem Weg komme ich an Königsschloss und Palast des Innenministeriums vorbei. Von Balkon des letzteren aus hat Ceaușescu in vollkommener Verkennung der Lage 1989 seine letzte Rede gehalten. Er musste schließlich mit einem Hubschrauber vom Dach des Ministeriums fliehen, wurde aber schon kurz darauf gefasst, woraufhin ihm der Prozess gemacht wurde.

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Mein Hotel ist die Villa Barrio, ein schön restaurierter Stadtpalast. Aufs Zimmer komme ich noch immer nicht, aber zumindest gibt es schon ein gutes Frühstück - und den Rucksack kann ich auch schon einmal unterstellen. Gut gestärkt geht es dann zu Fuß weiter, vorbei am Arcul de Triumf. Bukarest gilt ja als Paris des Ostens, also braucht es natürlich auch einen Triumphbogen. Ursprünglich war es ab 1878 ein Provisorium aus Holz in Gedenken an die Unabhängigkeit. In den 1930ern entstand dann der jetzige Bogen in Erinnerung an den Triumph im ersten Weltkrieg.

Ringsherum strömt der Verkehr wie in ganz Bukarest. Es wird gehupt und gedrängelt, aber doch ist es irgendwie gesittet. Apropos Autos - bei aller Armut ist dennoch viel Reichtum auf den Straßen unterwegs. Porsche, Bentley, Maybach und Rolls Royce sind mit mehrfach über den Weg gefahren.

Bei den schönen Wetter lässt es sich gut spazieren. Und damit es auch etwas zu gucken gibt, gehe ich ins Freilichtmuseum. Aus allen Gegenden Rumäniens wurden bäuerliche Häuser zusammengetragen. Man könnte meinen, dass sie Jahrhunderte alte sind, aber noch bis Mitte des 20. Jh. waren in Teilen des Landes halb in die Erde eingegrabene Hütten mit Stampflehmboden, in denen es nicht einmal Betten gab, durchaus noch üblich.

Der Park ist auch voller Kinder und Jugendlicher. Es scheint die Zeit die Schulausflüge zu sein.

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Das Holzgestell in der zweiten Zeile ist übrigens ein hölzernes Riesenrad.

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Auch Michael Jackson hat es nach Bukarest verschlagen.

Auf dem Rückweg komme ich durchs Viertel Primăverii. Hier befindet sich Ceaușescus Wohnsitz, der Frühlingspalast, der mittlerweile als Museum zugänglich ist - allerdings nur mit Führung und da hätte ich noch eine Stunde warten müssen. Hier hätte man nun sehen können, in welch verschwenderischen Luxus der sozialistische Diktator lebt, während sein Volk hungert.

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So, keine Lust mehr zu laufen. Zum Glück hat Bukarest eine Metro. Die wurde 1979 eröffnet - auch Dank der Unterstützung durch westliche Geldgeber. Rumänien hatte 1968 die Niederschlagung des Prager Frühlings verurteilt, was ihm Sympathien westlicher Staaten einbrachte und deren Geldbeutel öffnete.

Zurück im Zentrum gehe ich dann aber doch wieder zu Fuß weiter. Gleich gegenüber der kapitolinischen Wölfin befindet sich der km 0 der Demokratie in Gedenken an die Aufständischen 1989. Der Universitätsplatz war einer der Orte, ab dem sich die Revolution blutig Bahn brach, die dass Ceaușescu-Regime zu Fall brachte.


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Im großen Bogen bin ich jetzt vorbei an zwei Synagogen, allerlei nichtssagenden Hochhäusern und dem Ufer der Dâmbovița gegangen, um plötzlich auf Polizeiabsperrungen und lange Menschenschlangen zu treffen. Nanu, was gibt's hier? Eigentlich bin ich ja auf dem Weg zur Patriarchalkathedrale, ebenso wie unzählige andere auch. Glücklicherweise muss ich mich nicht in die Schlange einreihen, denn die will zwar auch dorthin, aber in einen separaten Abschnitt.
Ich hab es zufälligerweise gerade so abgepasst, dass ich in eine einwöchige Wallfahrt rein geraten bin. Einige Heilige wurden schon durch die Stadt getragen. Nun ist im Vorhof der heilige Lazarus aufgebahrt, der eigens aus Zypern eingeflogen wurde. Ob zum dauerhaften Umzug nach Bukarest oder nur als Leihgabe, weiß ich nicht.

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Zwischen all den hohen Fassaden taucht immer wieder eine kleine Kirche auf. Eine ganz besonders hübsche gehört zum Kloster Stavropoleos.

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Außerdem steht noch die "alte Hofkirche", die zum alten Fürstenhof gehört, der für Vlad III. Drăculea (Dracula) errichtet wurde. Der Palast ist aktuell nur noch eine Müllkippe hinter Bauzäunen, aber in die Kirche werfe ich einen Blick hinein. Es ist übrigens das älteste erhaltene Bauwerk Bukarest. Es ist auffällig, dass hier im Gegensatz zu Moldau kein Weihrauch in der Luft liegt.

Allzuspät ist es noch nicht, da will ich noch fix einen Museumsbesuch einschieben: im Museum des Kommunismus. Auch Rumänien war lange Zeit jenseits des eisernen Vorhangs. Nach dem zweiten Weltkrieg betrachtete Stalin es als seine Einflusssphäre und dementsprechend manipulierten in Moskau geschulte Kader der Nachkriegswahlen, sodass es zu der kuriosen Situation kam, das in der Monarchie Rumänien eine kommunistische Partei die Regierung führte. Allerdings musste schon 1947 König Mihai I. abdanken.
Wie in anderen sozialistischen Ländern kam es erst einmal zu Fortschritt und Aufschwung, allerdings zum Preis eines großen Geheimdienstapparates, der Securitate, und einer erdrückenden Diktatur unter Nicolae Ceaușescu, der das Land herabwirtschaftete.
Er ordnete u.a. strenge Sparmaßnahmen an, um die Staatsverschuldung abzubauen. Zwar gelang es, Rumänien schuldenfrei zu machen, doch blieben dadurch notwendige Sanierungen aus und im Endeffekt brach so die Wirtschaft zusammen. Zwangsenteignungen sorgten dafür, dass sich niemand mehr für etwas verantwortlich fühlte und so alles immer maroder wurde. Hunger war ein allgegenwärtiger Begleiter.

1989 entlud sich schließlich der Volkszorn und in blutigen Aufständen wurde Ceaușescu gestürzt. Ihm wurde der Prozess gemacht und gleich nach Urteilsverkündung wurden er und seine Frau hingerichtet.

Das Museum ist hochinteressant, allerdings auch textlastig. Leider stößt meine Aufnahmefähigkeit für den Tag langsam an ihre Grenze, sonst hätte ich sicher noch länger hier verbringen können.

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Stattdessen begebe ich mich jetzt zum Hanul Manuc. Bei dem Namen klingelt was... Ach ja, Manuc Bey, der umtriebige Armenier. Das ist nun das Gasthaus, das er in Bukarest eröffnet hatte und wo er seine diplomatischen Verhandlungen zwischen Osmanen und Russen führte. Es erinnert mich sehr an die Karawansereien, die ich in Bosnien oder im Kaukasus gesehen habe. Das Gasthaus ist noch in Betrieb, aber stark auf Touristen ausgerichtet.

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Und jetzt geht es für mich erstmal nur noch ins Bett. Der Tag war lang und die letzte Nacht kurz. Auf dem Weg dorthin machen die Bukarester Fassaden aber auch in der Dunkelheit noch etwas her.




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Jetzt kann ich noch einmal entspannt ausschlafen und mache mich nach gutem Frühstück wieder auf den Weg zum Gara de Nord. Da gibt es auch noch eine herrlich altmodische analoge Abfahrtstafel mit bunten Blechschildern. Im brechend vollen Expresszug fahre ich nach Otopeni, wo Bukarests großer Flughafen auf mich wartet - voll und chaotisch. Mit Ryanair gehts zurück nach Berlin. Der Flug über die Karpaten ist schön. Das Laub leuchtet bis in meine Höhe wunderbar bunt.


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Zusammenfassend kann ich sagen:
Wetter war schön :D

Es war eine auf ihre Art interessante Gegend. Sehr anders, als ich es sonst gewohnt war. Touristisch nicht wirklich erschlossen. Aber auch nicht schwer zu bereisen. Mit englisch bin ich in Moldau und Bukarest sehr gut zurecht gekommen. Der Straßenverkehr ist im ersten Moment chaotisch, aber im Grunde schon ganz gesittet. Selbst fahren ist kein Problem. Ich hatte auch kein Problem mit Blitzern und Polizei.

Mobilfunk ist in Moldau spottbillig. Ich habe für eine SIM-Karte am Flughafen für 1 Monat 20 GB umgerechnet 2€ bezahlt. Ein gutes Abendessen gibts für 10-15€, Benzin für 1,15€/l.
Das Zugticket kann man einfach online buchen. Ich habe es über die rumänische Bahn gebucht, das komplette Abteil für mich für ca. 50€. Über die moldauische Bahn wäre es ein paar € günstiger gewesen und man kann bei denen auch direkt einen Platz wählen, was bei den Rumänen nicht ging.
 
Achso, noch zum numismatischen Aspekt:
In Moldau wurde zu 90% mit Scheinen oder bargeldlos gezahlt. Umlaufgedenkmünzen habe ich gar nicht bekommen.

In Rumänien das gleiche.
 
Goldpreis
4.248,15 €/oz
136,60 €/g
Silberpreis
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2,10 €/g
Bitcoin
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